Jürgen Goschs Beisetzung : Auf den elysischen Feldern

Auf den Dorotheenstädtischen Friedhof scheint eine warme Sonne. Die Regenwolken haben sich verzogen. Hier, an der Chausseestraße, liegen die Großen, Bertolt Brecht und Helene Weigel, Heiner Müller, George Tabori, am Ende aller Spielzeiten. In ihrer Nähe hat am Montag Jürgen Gosch seine letzte Ruhestätte gefunden.

Rüdiger Schaper

Jürgen Gosch und das Theater. Was war das in den zurückliegenden Jahren für eine wunderbare, wundersame Liebesgeschichte, nach so vielen Anläufen, Beschwernissen und Missverständnissen. Wie er geliebt wurde von seinen Schauspielern und den Zuschauern, wie seine letzten Inszenierungen, Tschechow zumal, über den Theaterbetrieb hinauswuchsen, das hat die kühle und strenge, launische und hektische Theaterstadt Berlin noch nicht erlebt. Diese späte Liebe hat in ihrer Leidenschaftlichkeit überwältigt. Denn diese Liebesgeschichte erzählt auch davon, wie gefühlskalt es sonst zugeht auf unseren Bühnen.

In der kleinen Friedhofskapelle – viele der Trauergäste finden darinnen keinen Platz mehr – bereiten die Schauspieler Jürgen Gosch einen Abschied, der den Geist der Theaterarbeit, des Entdeckens in sich trägt und die Zeit des Spielens noch einmal um ein paar Herzschläge ausdehnt. Meike Droste horcht, wie in der „Möwe“, in das Akkordeon hinein, entlockt ihm weiche, sehnsuchtsferne, dunkle Klänge. Ernst Stötzner singt am Sarg die Ballade vom Jäger und der roten Eule aus Roland Schimmelpfennigs Stück „Ambrosia“, das Gosch am Deutschen Theater inszeniert hat. Wie es heißt, war es Goschs Lieblingslied – von jenem geheimnisvollen Trinker, der eines Nachts aus der Kneipe aufbricht in den Wald, um Gespenster zu erlegen; den weißen Hirsch, den goldenen Fuchs und die rote Eule. Vielleicht war es das, was Gosch und Schimmelpfennig so eng verband: die Liebe zu den Märchen, den fantastischen Tieren, zur Musik und zum Geheimnis, das in jeder Menschenseele ruht. Gosch hat diese Geheimnisse aus der Tiefe hervorgeholt. Und Ernst Stötzner lässt die Trauergemeinde noch einmal an dem Schaffensprozess teilhaben. Wie er langsam die Stimme hebt, sich hineintastet in die wilde Jagd, wie sein volltönender Bariton die Kapelle zum Beben bringt, ist erschütternd und schön. Als hätte wahre Theaterkunst Gewalt über den Tod hinaus. Und wie sich Dörte Lyssewski an die Seite setzt und mit Engelsstimme das alte Pariser Chanson von den elysischen Feldern singt, so zart, „Aux Champs-Elysées“. Es hätte, daran darf man fest glauben, Jürgen Gosch gefallen. „Er hat uns seine Zeit und seine Kraft geschenkt“, sagt der Dramatiker Schimmelpfennig unter Tränen. Er will sich bei seinem Regisseur bedanken für den „gemeinsamen Weg, der ein Privileg war, ein Geschenk, ein großes Glück“. Schimmelpfennig findet Worte, die selten sind in Künstlerverhältnissen, wenn er von Goschs Humor und Neugier, von seinem Mut und seiner Begeisterungsfähigkeit spricht: „Jürgen hat wirklich gekämpft.“ Daran erinnert Kulturstaatssekretär André Schmitz in seiner Ansprache. Die Theaterlaufbahn des Jürgen Gosch, der am 11. Juni im Alter von 65 Jahren in Berlin gestorben ist, war eine außergewöhnlich schwierige und verschlungene.

Es war auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof noch einmal ein Theatertreffen für Jürgen Gosch, mit all den Regisseuren, Intendanten, Schauspielern, ohne Pfarrer. Am Sonntag lädt das Deutsche Theater zu einer Gedenk-Matinee. Dörte Lyssewski hat ihr Abschiedslied auf Französisch gesungen, wie es in Goschs Inszenierung von Schimmelpfennigs „Hier und Jetzt“ aus Zürich erklingt. Ein Liebeslied aus den Siebzigern, als Gosch noch in der DDR lebte. Man hat den deutschen Text im Ohr. Oh, Champs-Elysées,/ Sonne scheint, Regen rinnt, / Ganz egal, wir beide sind/ So froh wenn wir uns wiedersehen, / Oh, Champs-Elysées.

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