Jürgen Habermas : Das anarchistische Erbe

Gefühl und Wissenschaft: Jürgen Habermas und die Kritische Theorie.

Angelika Brauer
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Inspiration für den Philosophen. Sean Scully vor seinem Bild „Licht im August“. Foto: dpa

Glücklicherweise gab es in Deutschland nach 1945 auch das Element des deutsch-jüdischen Geistes. Sonst hätte die kulturelle Entwicklung eine andere, „gefährlichere Richtung“ genommen. Jürgen Habermas vermutet das. Er hat den Wunsch, „dass es meiner Generation gelingen möge, an die nächste den Typus von Denken weiterzugeben, den Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Ernst Bloch, Walter Benjamin, Herbert Marcuse und Gershom Scholem so überzeugend repräsentieren“.

Weitergeben, nicht konservieren – selbstverständlich ist das nicht. In den siebziger Jahren sind die Philosophen seiner Generation unter den Einfluss der Wissenschaft geraten. Sie suchen die Wahrheit der Wirklichkeit in der Logik der Sprache. Die großen Fragen sind verpönt; wer ohne analytischen Scharfsinn philosophiert, wird als gestrig verachtet.

Habermas macht bei diesem Kehraus nicht mit. Er verteidigt das Erbe der „kritischen Denker in praktischer Absicht“, gerade wegen des Bezugs zur Erfahrung. Exil und Unterdrückung haben ihren Blick geschärft. Er schätzt die „hohe Empfindlichkeit“, mit der sie die Widersprüche des Fortschritts durchschauen. Und nicht zuletzt die „erregbare Intellektualität“, mit der sie auf das Tagesgeschehen reagieren. Aus seiner Sicht gehört die Aufgeschlossenheit für andere Bereiche zwar „zum besten, nämlich anarchistischen Erbe“ der Philosophie. Aber zugleich steht fest: Ohne einen Bezug zur Wissenschaft lässt sich der Typus dieses Denkens nicht retten.

Statt zwischen den Stühlen zu sitzen, bewegt sich Habermas zwischen den Fronten: Einerseits prägt er die „linguistische Wende“ mit eigenen Handlungs- und Sprachtheorien. Andererseits zieht er sich aus den sprachanalytischen Diskussionen zurück, sobald sie sich als „l’art pour l’art“ verselbständigen: „Am Ende behält man wunderbare, pedantisch begriffsgeschneiderte Vorstellungen von dem, was soziale Interaktion ist, zurück, aber weiß nicht mehr, wozu.“

Er braucht den Begriff der sozialen Interaktion für seine „Theorie des kommunikativen Handelns“. Er selbst versteht die Arbeit an seinem Hauptwerk als einen Versuch, „in der Geltungsbasis verständigungsorientierten Handelns ein Vernunftpotenzial ausfindig zu machen, auf das sich die kritische Gesellschaftstheorie als normative Grundlage berufen kann“. Das ist nun, unüberhörbar, der Bezug zur Wissenschaft.

Habermas ergänzt mit Hilfe der analytischen Philosophie aber nicht nur, was dem intuitiven Denktypus der Väter fehlt. Er verbindet die Erweiterung auch mit einer Korrektur: Im Zeichen einer Vernunft, die vom Himmel der Absolutheit strahlt, kann die kritische Theorie der Gegenwart nicht mehr operieren. Er fordert, dass sie bescheidener, auch mühsamer, den Spuren der Vernunft in der Wirklichkeit folgt – um sie in den zwischenmenschlichen Verständigungsversuchen zu entdecken. Sein Grundgedanke ist schön und schlicht: Als Gesellschaftswesen sind Menschen aufeinander angewiesen. Sie müssen sich verständigen, um miteinander auszukommen und etwas von dem zu verwirklichen, was für jeden vernünftig ist. Etwas von dem, was möglich wäre und worüber kein anständiger Mensch anderer Meinung sein kann: das Humane, Gerechte, Solidarische, weltweit.

Selbstverständlich ist nicht das Idealbild, sondern „das Bild einer diffusen, zerbrechlichen, dauernd revidierten, nur für Augenblicke gelingenden Kommunikation“ realistisch. Doch die „Utopie“ der idealen Kommunikationsgemeinschaft ist für den Theoretiker unverzichtbar: Auf der Ebene der Wissenschaft geht es Habermas darum, die Regeln zu finden, nach denen Menschen idealerweise miteinander reden. Rational also und wahrhaftig und geduldig und auf einer Augenhöhe – bis sie zum Konsens gelangen. Im Idealfall des idealen Gesprächs finden sie auf diese Weise auch die Normen, nach denen sie leben wollen und sollen: ihre eigene, nicht gottgegebene Moral.

Die Geburt der „Diskursethik“ aus dem Gespräch ist zutiefst menschlich. In seinem Hauptwerk ist sie hoffnungslos akademisch geraten. Was er allerdings als Philosoph erarbeitet hat, übersetzt er als öffentlicher Intellektueller in eine allgemein verständliche Sprache. Und löst dabei den Auftrag der Aufklärung ein, den er von einer kritischen Theorie der Gesellschaft erwartet: Welche Interessen- und Machtstrukturen setzen sich über die Köpfe hinweg? Was erschwert oder verzerrt oder verhindert die „Verständigungsorientierungen“? Wodurch kommen die „Steuerungskrisen“ in der Demokratie zustande?

Habermas sieht schon lange, „dass etwas zutiefst schief ist in der rationalen Gesellschaft“. Deren Mitglieder, davon ist er überzeugt, erfahren das auch. Zu den Indizien, die sein Vertrauen stützen, gehört das Gefühl eines Mangels: Immer mehr Menschen spüren, dass etwas fehlt. Das kann dazu führen, sich in die Arme der Religion zu werfen.

Für Habermas ist die Wiederkehr des Religiösen in einer säkularen Gesellschaft ein Anlass, sich an die eigene Zunft zu wenden: Die Philosophie sollte den Bereich der Emotionen nicht anderen überlassen. „Insbesondere negative Gefühle haben einen kognitiven Gehalt“. Das soll heißen, sie müssen nicht auf den Heilsweg – sie können zur Erkenntnis führen. Und damit zu dem Punkt, mit dem er seine skeptische Hoffnung verbindet: Nur wenn sich das Bewusstsein der Misere verbreitet, besteht die Chance, dass es nicht dabei bleibt.

Den Vätern der kritischen Theorie ist diese Zuversicht fremd. Vor allem Adorno, dessen „Negativismus“ an die Grenze zum Nihilismus stößt – wäre da nicht die Kunst als „Statthalter“ des richtigen Lebens. Die Flucht in die Welt des schönen Scheins schließt Habermas aus. Die Kraft der Avantgarde, auf deren Schockwirkung Adorno noch hoffte, habe sich erschöpft, stellt er fest.

Dass für ihn selbst noch etwas bleibt, erfüllt ihn mit Staunen: Farbstreifen, horizontal, unscharf voneinander abgesetzt, in Rot und Braun, Ocker und Schwarz. Den Bildern von Sean Scully gelingt es, ihn zu erreichen. Sie richten sich „eher an Gefühl und Intuition des Betrachters als an dessen Intellekt“.

Sie lassen „einzig sehen, was man sieht“. Das entlastet den Betrachter. Er muss keine Botschaft suchen. Er muss nichts entziffern, übersetzen, weitergeben. So dass sich für Augenblicke ein Wunsch erfüllt: Er kann den „Bannkreis der Sprache“ verlassen und schweigen.

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