Kultur : Jugend hat keine Tugend

Aber auch Jugendforscher haben’s nicht leicht: die Studie des Bundeskriminalamts zur Straffälligkeit der Generation Pisa

Katharina Rutschky

Welcher Erwachsene mit hinreichend intaktem Erinnerungsvermögen möchte seine Pubertät, jene Jahre zwischen zwölf und sechzehn, noch einmal durchleben und dabei auch wieder die Schulbank drücken, an jenen Ort zurückkehren, wo ja tatsächlich einige Weichen fürs Leben gestellt werden? Jugendliche haben es nicht leicht, aber auch Jugendforscher, die diese, von der Gesellschaft mit chronischem Argwohn und Misstrauen beobachtete Entwicklungsphase untersuchen, haben es schwer. Was auch immer sie herausfinden, in der Öffentlichkeit schnurren ihre Ergebnisse auf Katastrophenmeldungen zusammen. Die Schule ist ein Ort der Gewalt; zwei Drittel der Schüler schlagen schon mal zu – in diesem Rahmen bewegten sich die ersten Reaktionen auf die Studie der beiden Psychologie-Professoren Friedrich Liesel und Thomas Bliesener. Im Auftrag des Bundeskriminalamts haben sie die kognitiven und sozialen Bedingungen von „Aggression und Delinquenz unter Jugendlichen“ (Luchterhand Verlag) untersucht.

Neben der traditionell selektiven Wahrnehmung hatten die Forscher auch noch das Pech, ihre Studie an dem Tag vorzustellen, an dem ein Realschüler in Coburg mit Waffen zum Unterricht erschien, plötzlich auf die Lehrerin zielte und schließlich vor den Augen eines festgehaltenen Mitschülers Selbstmord beging. Bei der Frage, ob man es bei dieser Tragödie mit einem Einzelfall zu tun hat, der nicht zu prognostizieren und also nicht zu verhindern gewesen wäre, oder ob der Fall nicht ein Schlaglicht auf die Verrohung der Schuljugend im besonderen und gefährliche Entwicklungen der Gesellschaft im allgemeinen wirft, entscheidet man sich gewöhnlich lieber für den Großalarm.

Dabei ist es die erklärte Absicht der Forscher, diesen hysterischen Modus der Rezeption von Einzelfällen, oftmals gefolgt von einem geradezu kontraproduktiven Aktionismus, endlich zu durchbrechen. Wer sich durch die Studie, basierend auf Befragungen von 13-15-jährigen Schülern aller Schultypen in Nürnberg und Erlangen, gearbeitet hat, wird den Forschern bescheinigen, dass sie uns zum ersten Mal mit einer plausiblen Problemanalyse versorgt und, darauf aufbauend, auch wichtige Hinweise für Lösungen und praktische Maßnahmen gegeben haben.

Der Erfolg der Quer- und Längsschnittuntersuchung beruht einerseits auf der Einarbeitung zahlloser internationaler Einzelstudien, andererseits auf dem Einsatz vieler verschiedener Methoden. Am beeindruckendsten ist für den Laien, wie es den Forschern gelungen ist, ihre durchaus brisanten Ergebnisse in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit denen zu gewinnen, um die es ja eigentlich geht: den Schülern und Schülerinnen. Sie gaben Auskunft über sich, ihre Taten, Meinungen, Gefühle und Wahrnehmungen.

Ja, es stimmt, dass die meisten Schüler und Schülerinnen dieser Altersgruppe im letzten halben Jahr ein oder zwei Mal physische oder psychische Gewalt gegen Mitschüler angewandt haben – mehr haben sich übrigens als Täter denn als Opfer geoutet, was die Forscher nicht kommentieren. Die Masse der Taten ist allerdings harmlos und sollte nicht als „Gewalt“ etikettiert werden, weil einem dann nämlich die wirklich Gefährdeten und Gefährlichen unter den Tätern nicht mehr auffallen. Weil Jugend keine Tugend kennt – auch das ist richtig –, muss man nämlich von einem entwicklungsbedingten „Altersgipfel“ von Delinquenz bei allen Heranwachsenden ausgehen. Ein Drittel der jungen Männer gerät wenigstens einmal direkt mit dem Strafgesetz in Konflikt, und man kann vermuten, dass im Dunkelfeld der nicht angezeigten und entdeckten Taten alle etwas auf dem Kerbholz haben.

Diese Erkenntnis verharmlost nicht und ist vor allem auch nicht mit einem Plädoyer fürs Wegschauen verbunden. Allerdings legt sie nahe, Delinquenz und Aggression nicht, wie es die Statistik tut, schlicht über einen Kamm zu scheren, sondern zu prüfen, wer solches Verhalten und warum schnell aufgeben kann – und wer sich darauf leider abonniert.

Zum ersten Mal haben die Forscher neben den typischen Tätern, den „Schulbullies“, die für die Öffentlichkeit so besonders interessant sind, auch die Opfer genauer untersucht, also jene, die keineswegs durch eigene Aggressionen zum Gegenschlag motivieren. Auf ihre Art weisen sie ebenso Besonderheiten auf wie ihre Quäler und die von den Forschern außerdem entdeckten Gruppen der „Unauffälligen“ und die der „sozial Kompetenten“, die nicht Opfer werden.

Wichtig, dass das Klima stimmt

Monokausale Erklärungen für ein hinreichend friedliches Durchleben der kritischen Entwicklungsphase oder ein gutes Ende der Turbulenzen in höherem Alter gibt es so wenig wie für das unerwünschte Gegenteil. So manche populäre Ursache für Delinquenz und Aggression können wir vergessen, ohne dass man den Forschern aber nachsagen kann, sie würden sich zu Tode differenzieren und die besorgte Öffentlichkeit wieder einmal ratlos zurücklassen. Ein ausländischer Pass, Sozialhilfebezug, Arbeitslosigkeit, Medienkonsum oder unterdurchschnittliche Intelligenz disponieren an sich zu gar nichts. Erst wenn Risikofaktoren kumulieren, wird es gefährlich. Aber selbst wenn es vier oder fünf sind, können protektive Maßnahmen, denen die Forscher – darin ebenfalls durchaus originell – ihre Aufmerksamkeit auch zuwenden, so wirksam sein, dass Heranwachsende unauffällig bleiben. Den reinen Milieutheoretikern und Sozialphilosophen wird es vielleicht nicht schmecken, dass Lösel und Bliesener auch Temperamentsunterschiede neben Besonderheiten der biophysischen Ausstattung , kurzum: das Individuum für die Resilienz (unerwartetes positives Ergebnis trotz widrigster Umstände) verantwortlich machen.

Weniger Anstoß dürfte die Bedeutung des Familien- und – ebenfalls zufolge der Wahrnehmung der Schüler und Schülerinnen – des Schul- und Klassenklimas erregen, dem die Forscher dann doch besonderen Wert beilegen. Inkonsistente Erziehungspraktiken der primären Bezugspersonen, Desinteresse, Vernachlässigung in der Familie und ein ähnlich wahrgenommenes Schulklima sind Hochrisikos. Die von vielen Pädagogen seit langem so favorisierten kleinen Schulen und Klassen tragen für sich allein zu ihrer Minimierung noch nichts bei. Erfrischend klar äußern sich die Psychologen auch zu den Hilfsmaßnahmen und Präventionsprojekten, die nach dem dramatischen Anstieg der Jugenddelinquenz Anfang der neunziger Jahre gestartet wurden. Das Verteilen von Stickern und Buttons („Ich bin gewaltfrei“, „Ich helfe gern“, „Jeder Mensch ist Ausländer“) halten sie ebenso für kontraproduktiv wie die Einrichtung von kommunalen Jugendtreffs mit diffusen Ideen, deren Erfolge in 140 gut gemeinten Projekten nie evaluiert wurden. Sportangebote sind auch kein Ausweg – denn was den Tätern fehlt, die uns so beunruhigen, ist die Fähigkeit zu dem, was die Forscher „soziale Informationsverarbeitung“ nennen. Richtiger gesagt, haben die „Schulbullies“ zwar eine Methode dafür, aber eben eine völlig falsche. Auch wenn sie es nicht sind, fühlen sie sich immer angegriffen.

Damit kommt man bei der Würdigung der BKA-Studie zu dem eigentlich skandalösen, aber auch traurig stimmenden Ergebnis. Aufregen sollte sich niemand darüber, dass so viele, speziell männliche Jugendliche Erfahrungen mit kriminellen, oft verabscheuungswürdigen Taten sammeln müssen. Aufregen sollten wir uns darüber, dass fünf Prozent der Heranwachsenden von den Forschern – es handelt sich um 13- bis 15-Jährige – für eine Karriere der schlimmen Art, als loser also, identifiziert werden konnten. Das sind nicht Jugendliche, die als Hochstapler, Betrüger, Pleitiers auf hohem Niveau einmal scheitern werden – es sind Jugendliche, die vorhersehbar in kurzer Frist ohne Schul- oder Berufsabschluss einen Großteil ihres Lebens im Gefängnis oder unter Lebensumständen zubringen müssen, die ihrem hypertrophen Selbstbild nicht entsprechen, ihre Erbitterung also nur noch steigern. Von ihnen gehen Gefahren für die Gesellschaft aus, das ist nicht zu bestreiten, aber sie selbst bezahlen auch teuer für – nichts.

Die Forscher – auch das ist skandalös – machen darauf aufmerksam, dass die Wissenschaft uns eigentlich heute bereits in Stand setzt, jene gefährlichen und gefährdeten fünf Prozent Heranwachsenden, die für so viele Probleme verantwortlich sind, mit ziemlicher Sicherheit früh zu identifizieren und rechtzeitig einzugreifen – in ihrem und in unserem Interesse. Das Problem ist nicht die massive, aber ephemere Jugenddelinquenz der Massen, sondern der Eingriff in schlimme Karrieren, die sich bereits im Kindergartenalter abzeichnen. In die Sprache der Sozialpädagogik und der Politik übersetzt, heißt das: Können wir nicht stigmatisierende Prävention praktizieren? Ohne Herablassung, ohne Besserwisserei, ohne die Pflege alter Illusionen helfen, Jugendliche mit klaren Regelsetzungen unterstützen?

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