Kultur : Jugend ohne Job

Das Münchner Filmfest wirft einen Blick auf soziale Kälteregionen

Julian Hanich

Und nun: das Wetter. Weil es zu den ungeschriebenen Gesetzen der deutschen Filmfestivalberichterstattung gehört, Bemerkungen über die klimatischen Bedingungen einzustreuen, wollen wir dieser Tradition ebenfalls Genüge tun. Die Sonne brennt beim Münchner Filmfest. Die Luft flirrt. Die Menschen schwanken mit Schweißperlen auf der Stirn durch die Hitze. Da trifft es sich gut, dass man zwischen die Biergarten-Besuche den einen oder anderen Film schieben kann, der einen mit seiner Darstellungskälte schnell auf Normaltemperatur herunter- friert. Er wirkt beinahe so, als wolle das Festival das Thema fortsetzen, das die Gebrüder Dardenne in Cannes mit ihrem Sozialdrama „Das Kind“ auf die Tagesordnung setzten: Jugend ohne Job.

Passenderweise feierte der Gewinner der Goldenen Palme in München seine Deutschland-Premiere, ist aber hierzulande immer noch ohne Verleih – was bei den Dardennes zu Recht Kopfschütteln auslöst. Zumal „Das Kind“ als Studie eines verantwortungslosen Kleinkriminellen Maßstäbe setzt, die andere Filme erst erreichen müssen. Das gilt vor allem für das englische Pamphlet „The Great Ecstasy of Robert Carmichael“. Auch hier stehen herumdriftende Jugendliche im Mittelpunkt, die sich jenseits der Legalität bewegen. Der Höhepunkt des Films besteht in einer bestialischen Vergewaltigung, wie man sie aus „Clockwork Orange“ oder „Henry – Portrait of a Serial Killer“ kennt.

Der 26-jährige Regisseur Thomas Clay verknüpft die Handlung mit Bildern des Zweiten Weltkriegs und der TV-Berichterstattung über den Eintritt der Briten in den Irak-Krieg. In seinem überambitionierten, wenngleich technisch überzeugenden Debütfilm will er uns weismachen, dass die britische Gesellschaft von innen heraus verroht und faschistoid ist. Diese Polemik mag in Clays Heimatland als rhetorischer Molotow-Cocktail zünden – bei uns verpufft sie als heiße Luft.

Auch Barbara Kopples Gesellschaftskritik „Havoc“ schießt ein wenig über das Ziel hinaus. Weil sie den ennui der ziellosen Upper-Class-Jugendlichen von Los Angeles partout mit dem Leben in der sozial schwachen Eastside kontrastieren möchte, schleicht sich eine unglaubwürdige Ghetto-Romantik ein. Dennoch hat das Spielfilmdebüt der zweifachen Gewinnerin des Dokumentarfilm-Oscars einen fulminanten Drive. Das liegt zum einen an den wuchtigen HipHop-Bässen, die jedes Kino zum Beben bringen. Zum anderen ist es einer Riege von hervorragenden Darstellern geschuldet (insbesondere Anne Hathaway). Während die Typen bei Thomas Clay ihrem Alltag durch Gewalt einen Sinn geben wollen, entziehen sich Kopples Mädchen ihrem Plastikleben, indem sie auf erotische Abenteuertour im Ghetto gehen. Adrenalinkicks gegen das bedrückende Lebensgefühl dieser jeunesse dorée: „We are totally fucking bored.“

Dieser Meinung dürften auch die beiden marokkanischen Frauen sein, die im Mittelpunkt von „Das schlafende Kind“ stehen – wenngleich sie es vermutlich gewählter ausdrücken würden. Während sich ihre Männer nach Spanien aufmachen, um dort Arbeit zu finden, bleiben die jungen Mütter in der Einöde des Hinterlandes zurück. Ohne Bildung und ohne Job, ächzend unter der Bürde der islamischen Frauenrolle, sind sie zur Bewegungslosigkeit verdammt. Wie Gefangene im Niemandsland harren sie der Dinge. Doch Yasmine Kassaris Film macht eindringlich klar, dass sich im Kopf dieser Frauen einiges tut – auch erotische Fantasien gehören dazu. Kassari erzählt in ihrem Erstlingsfilm in ruhigem Tempo und mit kargen, bestechend komponierten Bildern, die in ihren besten Momenten an das iranische Kino erinnern.

Und schließlich: „Zim & Co.“ Diese charmante Komödie über vier französische Jugendliche wärmt einem das Herz - und schreckt dennoch nicht vor Themen wie Arbeitslosigkeit und Rassismus zurück. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, braucht Zim einen Job, den er nicht hat. Für den Job braucht er ein Auto, das er nicht hat. Und für das Auto braucht er Geld, das er nicht hat. Mit dieser Catch-22-Situation verdeutlicht Regisseur Pierre Jolivet auf komische Weise, dass es für die Jugendlichen von heute keine stabilen Arbeitsbiographien mehr gibt. Stattdessen werden sie angehalten, sich als soziale Maulwürfe durch die vertrackte Welt zu wühlen: durchwurschteln um jeden Preis. Denn wie drückt es einer der Väter aus: „Einen Job zu finden, ist das Problem eurer Generation.“

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