Kultur : Jugend ohne Spott

Fotos von James Dean: eine Berliner Ausstellung

Bodo Mrozek

Eines der größten Rätsel der Popkultur ist die Frage, was einen Star ausmacht. Selbst von den hervorragenden Filmschauspielern werden nur wenige im kollektiven Gedächtnis unsterblich. Und noch weniger werden das, was man eine Ikone nennt. James Dean ist nicht nur ein Weltstar. In der Ikonographie des 20. Jahrhunderts nimmt er zweifellos einen der ersten Plätze ein: als Symbol einer Epoche.

James Byron Dean, geboren 1931 in einem kleinen Nest namens Marion irgendwo im Staate Indiana und gestorben am 30. September vor vierzig Jahren in der zerborstenen Aluminiumkarosserie eines Porsches 550 Spyder, hat in seinem kurzen Leben nur drei Hauptrollen gespielt. Wie aus dem Gesicht des zurückhaltenden Farmersjungen mit dicker Brille dennoch eine Projektionsfläche für die Sehnsüchte mehrerer Generationen werden konnte, illustriert nun eine Fotoausstellung der Berliner Galerie Camera Work. Rund 150 großformatige Fotos zeigen James Dean in teils kaum bekannten Aufnahmen, von denen etliche als Vintage Prints zum Verkauf stehen (zwischen 4500 und 10000 Euro).

Die Bilder wirken wohl inszeniert. Trotzdem hatten bei der Begegnung mit Roy Schatt (1909 – 2002), dessen Porträtfotos von Künstlern wie Paul Newman, Steve McQueen oder Marilyn Monroe in Magazinen wie „Harpers Bazaar“ oder „Vogue“ erschienen, Star und Starfotograf offenbar Spaß. „Jimmy“ Dean posiert entspannt vor der Kulisse New Yorks. Einmal sitzt er auf einer Coca-Cola-Kiste – gerade so, als habe er damals schon die Symbolwirkung der Zuckerbrause voraus geahnt, die später ebenso wie er selbst als Ikone für die klassische Epoche der amerikanischen Popkultur stehen sollte.Ein anderes Mal steht Dean im Wollmantel neben einer alten Dame an einem Imbiss und tut so, als würde er Zuckerwürfel stehlen.

Ob im Sessel mit angezogenen Füßen und Träumerblick, oder vor einem Bücherregal mit den unvermeidlich hochgezogenen Brauen, der herabhängenden Zigarette und dem Spötterlächeln: Immer wirken die Posen wie sorgfältig vor dem Spiegel einstudiert. Das Bild im Ledersessel aber könnte einen entscheidenden Moment im Leben des Schauspielers illustrieren. Elia Kazan, der ihn für die erste große Rolle (in der Steinbeck-Verfilmung „Jenseits von Eden“) nach Hollywood holte, beschrieb die erste Begegnung so: „Er fläzte im Warteraum träge am äußersten Ende eines Ledersofas, die Beine ausgestreckt mit zerlumpten Jeans. In seinem Gesichtsausdruck lag so etwas wie ein tief sitzender Groll, und das missfiel mir.“

Diese Pose, der Dean sein späteres Rebellenimage verdankte, nimmt er auf den Fotos immer wieder ein. Nur selten sieht man Dean in Gesellschaft, etwa 1954 auf dem Dach des New Yorker MoMA oder beim Tanzunterricht in einer Reihe mit Eartha Kitt. Meist ist die Kamera ganz nahe bei Dean selbst. Die berühmte Serie des „Life“-Fotografen Phil Stern zementierte das Halbstarkenimage des leidenschaftlichen Motorradfahrers. Die schwere Lederjacke und die hochgekrempelten Jeans täuschen darüber hinweg, dass James Dean tatsächlich gar kein Rock’n’Roller war. Der Magnum-Fotograf Dennis Stock dagegen zeigt Dean treffend als Beatnik: Mit einer Bongotrommel, inmitten einer Kuhherde auf der Farm seiner Familie, oder auf Jukebox gelehnt, beim Hören von Jazzplatten. Kaum bekannt ist, dass Dean auch selbst fotografierte.

Auf einem „In the Photo-Darkroom“ untertitelten Bild sieht man ihn mit nacktem Oberkörper in der Dunkelkammer. Seine Porträts eines jungen Mannes, der auf einem Rohrstuhl im Halbschatten posiert, sind ebenso in der Ausstellung zu sehen wie Deans Rollei-Kamera – und als Prunkstück ein Nachbau seines ersten silbernen Porsche Speedsters. Trotz originaler Rennaufkleber wirkt die nagelneue weinrote Lederausstattung allerdings überrestauriert.

Dem eigentlichen Geheimnis des Stars nähert sich am ehesten die Fotosession, bei der Dean seinen schwarzen Pullover zerriss: Es genügt ein kleiner Perspektivwechsel und der Draufgängerblick des Cowboys oder Halbstarken weicht dem verletzlichen Blinzeln eines schüchternen Jungen vom Lande. Howard Hawks, Regisseur von Filmen wie „Scarface“ oder „El Dorado“, sagte einmal: „Stars sind nicht unbedingt große Schauspieler, aber sie sind außergewöhnliche Persönlichkeiten, und wenn sie auf eine Kamera treffen, so erkennt sie die Kamera und registriert liebevoll alles, was sie tun.“ James Dean war ein Star in genau diesem Sinne.

James Dean – Photografien: Galerie Camera Works, Kantstraße 149 (Charlottenburg). Dienstag bis Samstag von 11 bis 18 Uhr (bis 3. Oktober).

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