Jugendkrimi : Das wird langsam gruselig

Perfekter Thriller für Menschen mit starken Nerven: „Die schaurigste Geschichte der Welt“ von Philipp Kerr

Christian Schröder
Bloß keine Angst zeigen....
Bloß keine Angst zeigen....Abbildung: Rowohlt

Die besten Geschichten werden am Kamin erzählt. Auf dem Kaminsims muss eine Uhr ticken, die Wände haben vertäfelt zu sein und die Vorhänge aus rotem Samt, schwere Ledersessel sollten bereitstehen, in denen die Zuhörer versinken. Exakt so haben wir uns das Lesezimmer im Spukhaus der Bücher vorzustellen, einer sehr speziellen Buchhandlung in der fiktiven 250 000- Einwohner-Stadt Hitchcock irgendwo im Mittleren Westen der USA. Allerdings stammen die Sessel aus dem alten Edgar-Allan-Poe-Club in Boston, und auf einem soll sogar Poe selbst gesessen haben. Und die Eichenvertäfelung hing einmal in einem schottischen Schloss, in dem ein Geist umging.

„Die schaurigste Geschichte der Welt“ ist nicht bloß ein überaus gelungener Gruselroman für Kinder, sie huldigt auch den Größen des Genres. So besitzt Rexford Rapscallion, Inhaber des Geschäfts, in dem ausschließlich „Bücher über Geister, Ghule, Gespenster, herumirrende Seelen, Erscheinungen, Vampire, Werwölfe und Zombies“ verkauft werden, eine unbekannte Kurzgeschichte, die der junge Poe geschrieben haben soll. Ghule sind übrigens Grabräuber.

Die Geschichte heißt „Das Taschentuch“, sie ist in voller Länge abgedruckt und handelt von einem Helden, der sich für eine Nacht beerdigen lässt, um Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen. Erinnerungen an Poes Klassiker „Lebendig begraben“ sind beabsichtigt, nur dass der Protagonist hier 12 Jahre alt ist, genauso wie die Hauptfigur der „schaurigsten Geschichte“, ein stiller, nach einem Unfall traumatisierter Junge namens Billy Shivers, der in den Sommerferien ein Praktikum in Rapscallions Laden absolviert.

Meister der Spannung

Der britische Schriftsteller Philip Kerr ist mit historischen Thrillern bekannt geworden. Auch in seinem Jugendkrimi beweist er, dass er die Techniken des Spannungsaufbaus beherrscht, die Kapitel lässt er gerne mit einem Cliffhanger enden, unentwegt legt er falsche Fährten. Als Billy das Spukhaus der Bücher erkundet, gerät er in das Rote Zimmer, einen tennisplatzgroßen Saal, der von Kerzen erleuchtet wird. Aber dann verlöschen die Kerzen, und die Dielenbretter knarren, als würde sich jemand nähern. „Hilfe, das wird langsam unheimlich“, ruft der Gehilfe, ein Rationalist, der eigentlich allem Übersinnlichen misstraut. Doch ein Stammkunde kann ihn beruhigen: Der Schrecken ist inszeniert, der ganze Laden gleicht einer Geisterbahn.

Gespenster sind eine Fiktion, Futter für die Angstlust von Lesern, deshalb biegen sich die Regalbretter in dem Laden unter den Büchern, in denen sie vorkommen. Angst haben muss man vor ihnen nicht. Oder vielleicht doch? Im Lauf der Handlung mehren sich die Indizien dafür, dass die Realität, in der wir leben, nur eine von vielen ist. Als Billy und Mr. Rapscallion zu einer Buchhändlertagung nach Kansas City fliegen, steigen sie im Savoy Hotel ab. In ihrem Badezimmer soll es spuken, der weibliche Geist heißt Betsy Ward. Eine Geisterjägerin kann nichts entdecken. Doch dann fällt der Strom aus, und die Wasserhähne werden wie von Geisterhand aufgedreht.

Bücher können gefährlich sein

Neben Edgar Allan Poe sind Mary Shelley und John Polidori die Hausheiligen dieses elegant verschachtelten Romans. Von Shelley stammt „Frankenstein“, ihr Freund Polidori schrieb die erste Vampir-Geschichte. Und es soll von ihnen ein gemeinsames Manuskript geben, „Die moderne Büchse der Pandora“, bei dem es sich um die schaurigste Geschichte der Welt handelt. So schaurig, dass keiner, der sie las, sich je davon erholen konnte. Bei einem Wettbewerb im Spukhaus der Bücher, in den das Buch gipfelt, soll die unheilbringende Geschichte vorgelesen werden. Eine Haftung für Schäden an Leib und Leben der Teilnehmer ist natürlich ausgeschlossen.

Bücher können gefährlich sein, warnt Philip Kerr. Nach einer letzten, atemberaubenden Volte bleibt das Geheimnis der schaurigsten Geschichte gewahrt. Unheimlich an diesem Roman ist vor allem eins: seine geradezu perfekte Machart.

Philip Kerr: Die schaurigste Geschichte der Welt. Rowohlt Rotfuchs, Reinbek bei Hamburg 2016. 352 Seiten. 16,99 €. Ab elf Jahren.

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