Jugendroman "Finsterer Sommer" : Was verbirgt der Bunker am Strand?

Ein tiefgründiger und gleichzeitig witziger und spannender Roman von Martina Wildner

Ulrich Karger
Der Sommerurlaub wird aufregender als gedacht.
Der Sommerurlaub wird aufregender als gedacht.Foto: Beltz & Gelberg

Konrad würde am liebsten gleich wieder abreisen. Nicht nur, weil sich seine Eltern, allen voran seine Mutter, für einen Frankreich-Urlaub an der zuweilen selbst im Sommer regnerischen Atlantikküste entschieden haben. Da ist außerdem noch seine Kusine Lisbeth, die mitzunehmen ebenfalls ein „Vorschlag“ von Konrads Mutter war. Lisbeth ist eine Nervensäge: Sie weiß alles und kann alles. Und sie will dauernd über den Tod reden. Zwar irgendwie verständlich, nachdem ihre Mutter erst vor einem halben Jahr an Krebs gestorben ist – aber dafür kann doch Konrad nichts.

Das Einzige, was Konrad und Lisbeth gemein zu haben scheinen, ist ihr Interesse für die Bunker am Strand. Dabei fällt ihnen auf, dass nicht nur sie, sondern auch einige Erwachsene immer wieder besonders einen der Bunker zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten wie Fliegen umkreisen. Sehr geheimnisvoll! Doch dass sich dahinter sogar ein Familiengeheimnis verbirgt, ahnt nur einer nicht – nämlich Konrad.

Martina Wildner, die bereits unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, hat mit „Finsterer Sommer“ einen Roman vorgelegt, der sehr eingängig geschrieben ist und sich durch viel Situationskomik und Dialogwitz auszeichnet, daneben aber auch tiefgründigen Fragen nachgeht, die am Ende folgerichtige Antworten verlangen.

Konrad liegt erst einmal oft falsch, mit dem, was er sieht

Auf dem aus dieser Kombination resultierenden schmalen Grat die Balance zu halten, gelingt der Autorin mit einem geschickten Kunstgriff: Sie überfrachtet ihren Ich-Erzähler Konrad nicht mit allzu schnellen Erkenntnissprüngen, sondern lässt ihn als 13-Jährigen konsequent altersgemäß schildern, was er sieht und erlebt, und wie er all das nicht selten erst mal missinterpretiert.

Kein Wunder, denn insbesondere die erwachsenen Protagonisten erklären ja nur ungern, was sie zu ihren Handlungen antreibt, während sie den Jugendlichen gläserne Transparenz abfordern. Doch Jugendliche können hartnäckig sein, und die angesprochene Altersgruppe wird sich wie Konrad gerade wegen der fehlenden, meist allzu ausführlich durchdeklinierten Erklärungsmuster ganz von selber Fragen stellen, um die ihnen sprunghaft erscheinenden Antworten der Erwachsenen besser einordnen zu können. So umspannt dieses Sommerferienabenteuer sehr konkret sogar die bis in die „finstere“ Zeit des Nationalsozialismus reichende Historie, ohne ein „Abschalten“ zu provozieren. Im Gegenteil! „Finsterer Sommer“ bietet als unterhaltsamer Schmöker ein spannendes Lesevergnügen.

Martina Wildner: Finsterer Sommer. Roman. Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2016. 237 Seiten. 12,95 Euro. Ab zwölf Jahren.

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