Jugendtheater : Lasst alle Bildung fahren

Als der Brandbrief von Lehrern der Neuköllner Rütli-Schule Schlagzeilen machte, schrieb Lutz Hübner sein Stück "Aussetzer". Es handelt von aggressiven Schulversagern und hilflosen Pädagogen. Jetzt ist das gefeierte Drama am Grips-Theater zu sehen.

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In der Schattenwelt. Paul Jumin Hoffmann als Problemschüler. Foto: David Baltzer
In der Schattenwelt. Paul Jumin Hoffmann als Problemschüler. Foto: David Baltzer

Chris steht unter Druck, und zwar gewaltig. Wenn sich an seinen miserablen Noten nichts ändert kann er seinen Schulabschluss vergessen. Wie der prügelwütige Vater zu Hause darauf reagieren wird, ist abzusehen. Das kennt Chris schon. In einem Don-Quixote-Akt der Verzweiflung sucht der verschlossene Junge das Gespräch mit seiner Lehrerin Frau Stöhr: „Ich muss reden. Ich brauch’ ’ne Drei.“ Was die Pädagogin für einen schlechten Scherz hält. Schließlich ist der pubertierende Rüpel im Unterricht nur durch Verweigerung und Respektlosigkeit aufgefallen. Ein klarer Sechser-Kandidat. Die Fronten sind verhärtet, die Frage lautet: Was nun? Chris gibt die einzige Antwort, zu der er fähig ist. Er schlägt zu.

„Aussetzer“ heißt das Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, das Regisseur Yüksel Yolcu als letzte Premiere der Saison am Grips-Theater im Podewil inszeniert hat. Es beschreibt den Abstieg in eine mutmaßlich alltägliche Schulhölle, über der mit einigem Recht das Motto aus Dantes „Inferno“ prangen könnte: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren.“ Was für Schüler und Lehrer gleichermaßen gilt.

Entstanden ist „Aussetzer“ bereits 2007, unter dem Eindruck des berühmt-berüchtigten Brandbriefes der Rütli-Pädagogen, der ja nicht weniger als die Kapitulationserklärung vor einem heillos festgefahrenen System war („Wir müssen feststellen, wir sind am Ende der Sackgasse angekommen, und es gibt keine Wendemöglichkeit mehr“). Zwar hat sich der Neuköllner Rütli-Campus in der Zwischenzeit zur Vorzeige-Institution gewandelt. Und in Lutz Hübners Text ist jetzt nicht mehr von einer Haupt-, sondern von einer Gesamtschule im sozialen Brennpunkt die Rede. Aber mehr Reform ist nicht zu bejubeln. Seit der Uraufführung in Hannover hat das spürbar lebensnah recherchierte Stück 27 Nachspiele im In- und Ausland erlebt, was für anhaltende Relevanz und Diskussionsbedarf spricht. Und auch in Yolcus Grips-Version wirkt es drängend aktuell.

Die verletzte Lehrerin (Katja Hiller), die von ihrem Beruf meist nur in Kriegsmetaphern à la „vorderster Schützengraben“ redet, entscheidet sich, Chris’ Tat nicht anzuzeigen. Schon wegen der bitteren Gewissheit, wie der Fall enden würde: „Das Opfer wechselt die Schule, nicht der Täter.“ Stattdessen schlägt sie einen überraschenden Weg ein. Sie bietet Chris (Paul Jumin Hoffmann) privat Nachhilfe an und versucht, ihn aus seiner Verranntheit zu befreien. „Ich mach’ Hartz IV“, mehr fällt dem Jungen als Zukunftsperspektive nicht ein. Nach Hollywooddramaturgie würde jetzt eine menschelnde Läuterungsgeschichte über das erwachende Bewusstsein eines Flegels folgen. Freilich sind Hübner und Nemitz Realisten genug, um die Konflikte jetzt erst recht zu verschärfen. Ohne Aussicht auf Happy End. Wo ein Bildungssystem voller Schranken und Beschränktheiten zur Debatte steht, kann es keine simplen Lösungen geben.

Regisseur Yüksel Yolcu, der am Grips zuvor unter anderem „Haram“ und „Ohne Moos nix los“ inszeniert hat, bringt „Aussetzer“ konzentriert und kraftvoll auf die Bühne. Fürs Bild braucht es nicht mehr als eine Paraventwand, hinter der die Gewalttat als Schattenspiel stattfindet und die auch als Projektionsfläche dient (Ausstattung: Ulv Jakobsen), außerdem einen von der Decke baumelnden Sandsack, an dem sich Chris in seiner ohnmächtigen Wut austobt. Paul Jumin Hoffmann, noch jung im Grips-Ensemble, bewältigt diesen durchaus nicht leichten Part phänomenal. Spielt ohne Aufgesetztheiten einen rotzigen Heranwachsenden, der Opfer und Täter zugleich ist, der auch Unsympath sein darf in seinem blinden Hang zum Rundumschlag.

Genauso toll ist Katja Hiller als hilflos überforderte Lehrerin Julika Stöhr, die tagtäglich in leere Gesichter blickt und dennoch um einen Rest Idealismus ringt – mit tragischen Konsequenzen. Furios die Szene, in der sich Julika angetrunken zum hämmernden „Augen auf!“ der Band Oomph! den Frust aus dem Leib tanzt.

Das Grips-Theater, das mit sechs Uraufführungen von Gegenwartsautoren in die kommende Saison starten wird – darunter auch wieder ein Lutz-Hübner-Stück – präsentiert sich am Ende der zweiten von Intendant Stefan Fischer-Fels verantworteten Spielzeit in bester Verfassung. Dafür sprachen am „Aussetzer“-Abend nicht zuletzt auch die Reaktionen der Jugendlichen im Publikum. Wo anfangs noch hier und da überschießende Alberstimmung herrschte, wurde es sehr schnell sehr still. Patrick Wildermann

weitere Vorstellungen im September

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