Kultur : Jugoslawien: Der lange Weg zur Wirklichkeit

Caroline Fetscher

In der Nacht des 28. Juni 2001 landete ein Hubschrauber mit ausgeschalteter Beleuchtung im Hof des Gefängnisses von Scheveningen, dem Badevorort von Den Haag. An Bord des kleinen Fluggefährts befand sich das ehemalige Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Jugoslawien, der "gewählte Diktator" Slobodan Milosevic. Anderntags begann in Brüssel die Geberkonferenz für das bankrotte Serbien - als Zeichen guten Willens erwartete man dort Serbiens Kooperation mit dem Haager Tribunal.

Mit dem Mut der Verzweiflung hatte Belgrad Milosevic in letzter Minute nach Den Haag überstellt. Dort wartet er heute auf seinen Prozess wegen Gräueltaten in Kosovo und in Kroatien. Über seine Rechtsberater lässt er wortreiche Pamphlete wider das Tribunal zirkulieren, die er mit unsteter Handschrift um Kommentare ergänzt. "Globalisation is new Colonialism!" merkt er gerne an.

Für Serben ist der 28. Juni der Tag des Heiligen Veit, "Vidovdan", der Tag, an dem 1389 auf dem Amselfeld, dem Kosovo Polje, die Schlacht gegen die Osmanen mit Prinz Lazars Tod heroisch verlorenging - so die Legende. Am Vidovdan 1989, wenige Monate vor der deutschen Wiedervereinigung, hatte Milosevic eine Rede auf dem Amselfeld gehalten und einer Million Serben versprochen, er werde sie vom Joch der Albaner befreien. Auch auf dem Kosovo Polje war Milosevic mit einem Hubschrauber gelandet - als wollte er phantasmatisch die Auferstehung von Prinz Lazar inszenieren, dessen Gebeine er zuvor auf eine Pilgertour durch Serbien gesandt hatte.

Man kann also die Landung per Helikopter in Den Haag als den Rückflug Milosevic-Lazars in die Realität verstehen: Der Nationalist wurde Gefangener der Vereinten Nationen. Der 28. Juni 2001 war der letzte Stichtag in der Karriere Milosevic. Der folgenschwerste ging ihm voraus: Vor einem Jahr, am 5. Oktober 2000, gingen in Belgrad die Massen auf die Straße, um den Wahlsieg für die demokratische Opposition einzufordern, den Milosevic ihr vorenthalten wollte. Der Jugendgruppe "Otpor", die gestern in Berlin mit dem Menschenrechtspreis der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet wurde, verdankte der Widerstand seine Kraft.

Die Geschichte geht jedoch weiter. Der 5. Oktober 2000 war das Ende jenes Mannes, der nun in Den Haag Hemingway liest und mit anderen mutmaßlichen Kriegsverbrechern Karten spielt und kocht. Allerdings war der 5. Oktober noch nicht das Ende dessen, was immer noch Jugoslawien heißt, de facto aber nur noch auf dem Papier existiert.

Der dritte Weg

Jugoslawien: Das war eines der realistischsten Szenarios der Linken für eine undogmatische, sozialistische Gesellschaft. Schon früh wurde das Land wegen seines später "Dritter Weg" genannten Sozialismus im Ostblock beargwöhnt. Einmal mehr spielte hier der 28. Juni eine Rolle. Wolfgang Leonhard ("Die Revolution entlässt ihre Kinder"), im Exil in Schweden und der Sowjetunion aufgewachsen, veröffentlichte 1949 im Belgrader Verlag "Jugoslovenska Knjiga" (Das jugoslawische Buch) auf deutsch seine Streitschrift "Die Wahrheit über das sozialistische Jugoslawien". Er schrieb: "Als am 28. Juni 1948 die Kominform-Resolution gegen das neue Jugoslawien verbreitet wurde, war es mir schwer, die darin enthaltenen Beschuldigungen zu glauben." Die Kominform hatte Jugoslawien vorgeworfen, nicht den wahren Kommunismus - Stalinismus, Allmacht der Partei - durchzusetzen. Leonhard, damals Lehrer an der Parteihochschule "Karl Marx" in Berlin, wollte die Wahrheit wissen. Er habe das Land "nicht mit den Augen eines ausländischen Journalisten und nicht von der Warte eines Belgrader Luxushotels aus" kennen gelernt, "sondern durch das Leben selbst".

Seine Stimme klang begeistert: "Die Kommunisten Jugoslawiens kämpfen für gleichberechtigte Beziehungen zwischen den sozialistischen Ländern und gegen die Kommandomethoden einer Partei, die alle Probleme dieser Länder ohne deren Mithilfe lösen will."

Während das im Osten auf wenig Gegenliebe stieß, rückte der Westen näher. Intellektuelle und Eurokommunisten schätzten Beziehungen zu Jugoslawien. Auf Inseln und an der Adriaküste machte man Ferien. Frieden herrschte auf dem Dritten Weg zwischen den beiden Ideologien des Kalten Krieges und relative Verständigung zwischen den "Volksgruppen", den Kroaten, Serben, Bosniern, Montenegrinern, Slowenen, Mazedoniern und Albanern. Dort sollte Krieg ausbrechen, als der Kalte Krieg zu Ende ging, ausgerechnet dort?

Man hätte es sich denken können. Wirtschaftlich ging es in Jugoslawien schon in den Jahren vor Titos Tod 1980 nicht mehr bergauf. Aber auch in den ersten Jahren der Diadochenkämpfe um die Nachfolge Titos gab es westliche Hilfe. Doch seit dem Fall der Mauer war Westeuropa mit sich beschäftigt - die Verbündeten aus kalten Tagen musste man nicht mehr wirtschaftlich wärmen. Der erste, gravierende Fehler westlicher Politik lag in diesem Abwenden nach der "Wende" bei uns.

Aus der "Handelsflotte" Jugoslawien scherten die schönsten, größten Dampfer langsam aus. Slowenien und Kroatien, mit mehr wirtschaftlichem Erfolg gesegnet als andere Teilrepubliken, konstruierten für sich neue Nationalismen. Im Gegenzug ließ sich der serbische wecken und bellizistisch aufladen, vor allem mit Hilfe von Presse und Fernsehen. Der Publizist Zoran Djordjevic sprach von einem "Medien-Gulag" im Krieg. Doch es wurde weiterverhandelt mit Milosevic. Klar ist heute, dass dem serbischen Rassismus gegen Albaner im Kosovo zehn Jahre zugesehen wurde, ehe man eingriff - und dann, als weiteres Zeichen der Distanz, aus tausenden Metern Höhe. Aus der Luft.

Nach einem Jahr "Oktoberrevolution" in Serbien und nach über zwei Jahren Protektorat Kosovo ist das jetzige, dritte, Rest-Jugoslawien (Serbien und Montenegro) nur noch ein Konstrukt. Die serbische Provinz Kosovo ist historisch verloren. Die Republik Montenegro ist de facto, wenn auch nicht de iure, unabhängig. Und: Wie noch immer Nationalismus in Serbien schwelt, so gibt es noch immer Unschlüssigkeit darüber, wie "der Westen" sich gegenüber dem unhaltbaren Status Quo verhält. Ängstlich wird das Wort "Unabhängigkeit" vermieden. Wozu aber das westliche Beharren auf der Existenz eines "Jugoslawien", eines Namens, der nur noch das letzte Synonym für das Phantasma "Großserbien" ist? Milosevic mag in der Wirklichkeit gelandet sein. Sein Erbe ist es noch nicht.

In wenigen Wochen wird im Kosovo gewählt, der interne Friede zumindest unter Albanern wächst. Aber solange dem posttraumatischen Land die Perspektive für Unabhängigkeit fehlt, können Radikale weiter ihre Flagge hissen und Konflikte in Nachbarländer tragen.

Kein Posten der Titoerbschaft scheint absurder als Serbiens Verhältnis zu Montenegro. Die beiden ungleich großen Republiken bilden das letzte, offizielle Rest-Jugoslawien unter der Präsidentschaft von Vojislav Kostunica: ein König-ohne-Land. Kostunicas Amt wird von Montenegros Regierung nicht anerkannt. Der Gegenspieler des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic gilt als Nationalist im Schafspelz, der es auch nicht als Problem ansieht, dass ein von Den Haag gesuchter Mann - Milan Milutinovic - als Serbiens Präsident fungiert. Um als Oberhaupt der heiklen Föderation überhaupt Ansprechpartner in Montenegro zu haben, muss Kostunica auf die dortige Opposition unter Predrag Bulatovic zurückgreifen, der unlängst in einem Bergort eine Rallye für Milosevic veranstaltete.

Als Kostunica letztes Jahr in Belgrad inauguriert wurde, stand neben ihm auf dem Podium der greise Autor und ehemalige Staatspräsident Dobrica Cosic. Ein prekäres Zeichen. In diesem Moment, schreibt die Philosophin Svetlana Slapsak, lief kritischen Intellektuellen "ein Schauer über den Rücken". Kostunica zeigt dem Westen gegenüber eine Seite seines Gesichts, den Serben die andere. Westeuropäer werden sich sagen: Da steht irgendein alter Mann mit herum. Serben wissen, was das bedeutet.

Wo liegt Yurope?

Montenegriner auch. Seit Mitte der neunziger Jahre steuert die Regierung einen Kurs weg von Milosevic, die albanische Minderheit im Land ist integriert, Dissidenten aus Serbien, auch Djindjic, bot das bergige Land am Meer Asyl. Bis zum 5. Oktober 2000 gaben sich dort Delegationen aus dem Westen die Klinke in die Hand und saßen pläneschmiedend zwischen den Säulen der alten Terasse des Hotels "Crna Gora" im Zentrum der Hauptstadt Podgorica. Dem Präsidenten Milo Djukjanovic versprach man Hilfe, auch auf dem Weg in die Unabhängigkeit. Bis Milosevic fiel. Wie im Fall Kosovo sollte Montenegro weiter zu "Jugoslawien" gehören. Westliche Warnungen vor Unabhängigkeit verhalfen der alten, Milosevic verbundenen Opposition bei den Wahlen im Frühjahr zu fast der Hälfte der montenegrinischen Stimmen. Aber: Es ist die weniger demokratische, weniger moderne Hälfte Montenegros, die der Westen jetzt bedient.

Der 5. Oktober 2000 war nicht das Ende der Jugoslawien-Geschichte. Nicht nur, um in Kosovo und Montenegro sozialen Frieden zu sichern, sondern vor allem, um jeder Idee eines Großserbien territorial wie psychologisch den Riegel vorzuschieben, gibt es nur eine Vision für alle ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens.

Erst wenn alle ehemaligen Republiken und das Kosovo eigenständige, demokratische Staaten sind, kann es neue Kooperation geben, auf gleichrangiger Ebene, zwischen gleichrangigen Partnern. "Jugo-Slawien" meint das Land der "Süd-Slawen" - doch es leben nicht nur Slawen dort. Und was die serbische Variante der Slavophilie angerichtet hat, sollte heute nicht weiter gefördert werden. Erst in einem großen Wirtschaftsraum mit offenem Handel untereinander, in einem postjugoslawischen Schengen-Territorium, kann "Yurope" enstehen: Süd-Europa, ein Pendant, ein Partner der Europäischen Union.

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