Kultur : Jugoslawien: Versöhnung statt Vergessen

Dzevad Karahasan

Es war eine Revolution. Doch mit dem unblutigen Sturz des Tyrannen ist man in Serbien die Geister der Vergangenheit noch nicht los. Lange Zeit wird es dauern, die zerstörten gesellschaftlichen Strukturen wieder aufzubauen und ein Land von mehr als einem Jahrzehnt des Wahnsinns, der Hysterie, des Chauvinismus zu befreien. Und von der Mafia! Es gibt ja auf dem gesamten Balkan - das gilt auch für Kroatien, Bosnien, Montenegro und das Kosovo - keine normale Gesellschaft mehr: keine zivile Demokratie, keine ökonomische oder rechtliche Sicherheit.

Ich bin ein skeptischer Optimist, und für den verkörpert Kostunica allein deshalb eine Hoffnung, weil er vom Naturell und Intellekt her offenbar kein Populist ist. Alle Tragödien auf dem Balkan wurden von Populisten verursacht. Nicht unbedingt von Nationalisten. Ein Nationalist hat immerhin eine tiefere Überzeugung, einen leidenschaftlichen Glauben, vielleicht einen Wahn. Aber Milosevic oder auch Tudjman haben den nationalen Wahn ihrer Anhänger immer nur benützt und geschürt: Es ging ihnen allein um die eigene Macht, nicht um ihr Land oder irgendwelche ideologischen Ziele. Diese waren nur die lächerliche, folkloristisch-demagogische Fassade ihrer Diktaturen.

Kostunica gilt bisher als "Nationalist". Tatsächlich wollte er 1995 nach dem dreijährigen Blutvergießen in Bosnien nicht einmal das Dayton-Abkommen anerkennen - obwohl dieser Pakt mit Milosevic die seit 1938 schändlichste Kapitulation der bürgerlichen Demokratien vor einem nationalistischen Diktator war. Für Kostunica und seine großserbischen Träume aber ging die zerstückelte Souveränität von Bosnien offenbar schon zu weit. Dennoch hoffe ich auf Kostunica. Er ist als Jurist und Rationalist durchlässig für Argumente und Einsichten, zugleich steht er in der Tradition der europäischen Aufklärung und gilt darum als "vernünftiger Nationalist". Sein Nationalismus wirkt berechenbarer als der schiere Machiavellismus von Milosevic; vermutlich wird Kostunica als Demokrat und im Laufe der Zeit auch als politischer Pragmatiker, der auf internationale Hilfe und die Zusammenarbeit mit dem Westen angewiesen ist, seine bisherige Haltung überdenken.

Aber diese Korrekturen dürfen sich eben nicht nur wieder opportunistisch und populistisch vollziehen. Zoran Djindjic, der sich mit seinen West-Kontakten und seiner äußeren Gewandtheit jetzt wieder nach vorne spielt, ist das abschreckende Gegenteil. Djindjic gibt sich liberal, war in seiner Jugend links, und 1994 feierte er mit Karadzic und Mladic die heldenhaften Siege der serbischen Armee über das massakrierte Bosnien. Vuk Draskovic, der andere frühere Oppositions-Matador, ist nichts weiter als ein folkloristischer, halbgebildeter Trottel. Aber Djindjic ist gefährlich. Kein nützlicher Idiot, sondern einer, der mit dem Teufel Geschäfte macht, wenn es um seinen Vorteil und Machtehrgeiz geht.

Was aber bleibt? Es gibt nur drei Hoffnungen für den Neuanfang unter einem Präsidenten Kostunica

Die Hoffnung, dass möglichst viele der über 400 000 Emigranten, die Serbien in der Zeit der Milosevic-Diktatur verlassen haben, zurückkehren. Es sind meist jüngere, gut ausgebildete Menschen, und es ist ein Teil der bürgerlichen Elite. Diese bürgerliche Gesellschaft Serbiens muss wieder erstehen. Ich selbst habe die meiste Zeit meines Lebens in Sarajevo gelebt, aber meine Leser waren und sind vor allem in Belgrad! Das gilt ebenso für meine Schriftstellerkollegen und die Künstler aus Kroatien und anderen Teilen Ex-Jugoslawiens. Es muss also eine Welle der Remigration und der geistigen und physischen Wiederbegegnung geben.

Die zweite Hoffung, nein, Notwendigkeit: Der Westen sollte neben den bisherigen oppositionellen Medien sehr gezielt den "Belgrader Kreis" unterstützen. Unter diesem Signum haben in den vergangenen zehn Jahren rund 100 Intellektuelle, Wissenschaftler, Journalisten, Ökonomen, Bürgerrechtler ein Widerstandszentrum gebildet: das andere Serbien. Sie alle - ich nenne nur Namen wie den jüdisch-serbischen Schriftsteller Filip David, den Kulturanthropologen Ivan Colovic oder die Bürgerrechtlerin Vesna Pesic - könnten mithelfen, dass der Balkan, der aus der realen Zeit in die schreckliche Schimäre eines willkürlichen, angeblich immerdauernden "Jetzt" gerissen wurde, wieder in die Geschichte Europas zurückkehrt.

Noch funktioniert "Europa" auf dem Balkan nur als Werbetrick. "Europa", das verheißt Devisen, Subventionen - doch die Mentalitäten sind noch außerhalb Europas, außerhalb der realen Gegenwart. Deshalb steht der demokratischen Wende noch eine kolletive Psychotherapie bevor. Und dabei gilt es, sich auf jenes andere, modernere Serbien zu berufen, das nicht von Mythen, Chauvinismus oder den Kitschvorstellungen eines Peter Handke geprägt ist.

Die letzte, die größte Hoffnung wäre: eine wahre Versöhnung. Ohne die Mitwirkung Serbiens wird es keinen Frieden geben auf dem Balkan. Deshalb müsste Vojislav Kostunica als Geste der Entschuldigung und der glaubhaften Reue ein Zeichen setzen gegenüber dem Kosovo, gegenüber Bosnien und Montenegro. Etwas wie der Kniefall von Willy Brandt einst am Mahnmal des Warschauer Gettos. Willy Brandt und sein in Deutschland ja auch zunächst umstritttenes, mutiges Versöhnungswerk - das könnte ein historisches Vorbild sein. Und Frieden wird es auf dem Balkan erst geben, wenn man in den Staaten und Regionen Ex-Jugoslawiens die kulturelle und soziale Einheit in Vielfalt wiedergewinnt. Wir sprechen ja noch immer die gleiche Sprache; doch für das Zusammenleben in einem größeren gemeinsamen (europäischen) Raum bedarf es über symbolische Gesten hinaus auch der irdischen Gerechtigkeit. Milosevic, Karadzic und die anderen Politkriminellen müssen vor ein Gericht. Als Schriftsteller plädiere ich für Versöhnung, aber nicht für Vergessen. Dabei wäre ein Prozess in Serbien wohl heilsamer als das Haager Tribunal. Es wäre ein Akt der Selbstreinigung und Selbsterkenntnis: die beste Katharsis - nach der Tragödie.

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