Jule Neigel : "Ich habe mich wie Johnny Cash gefühlt"

Nach acht Jahren Pause feiert Jule Neigel ihr Comeback. Im Interview spricht die Sängerin über ihr erstes Album, neue Musikprojekte und ihre russischen Wurzeln.

Berlin - Neigel ("Schatten an der Wand") hatte eine Zwangspause eingelegt, weil sie in langen Prozessen mit ihrer früheren Band um Urheberrechte stritt. Diesen Rechtsstreit hat sie inzwischen gewonnen. Als Julia Neigel bringt sie am Freitag ihr Live-Album "Stimme mit Flügel(n)" heraus, das Jazzbar-Charakter hat.

Jahrelang war es still um sie, was haben Sie gemacht?

Ich war reiner Privatier. Ich habe juristische Prozesse geführt, Bücher über Jura gelesen, Freunde zum Essen eingeladen, bin Reiten gegangen, war auf Reisen. Nach zwei, drei Jahren habe ich mich aber schon nach der Musik gesehnt und angefangen, Unplugged-Konzerte zu machen. Ich habe aber kein Album aufgenommen, weil ich wusste, dass dies keinen Sinn macht, während ich prozessiere.

Klingt, als hätten Sie trotz der Prozesse eine gute Zeit gehabt.

Das Prozessieren war zwar anstrengend, aber es hat auch Spaß gemacht, weil ich viel gelernt habe. Ansonsten habe ich zwar das Musikmachen aufgeben müssen, aber nicht das Musikhören. Ich habe viele Songs geschrieben, die 2007 auf ein Rockalbum kommen.

Haben Sie den juristischen Ärger jetzt hinter sich gelassen?

Ja. Ich fühle mich pudelwohl, bin besser drauf denn je. Die sechs Platten, die ich in den vergangenen 15 Jahren veröffentlicht habe, werden künftig auch meinen echten Namen tragen, Julia Neigel. Ich hatte das eigentlich schon immer so gewollt.

Wie geht es dann mit neuem Namen weiter?

Ich will in den nächsten drei Jahren mehrere Sachen veröffentlichen. Es wird das Rockalbum geben, ich will alte Songs in anderen Sprachen neu aufnehmen, es wird eine Biografie geben und ein Anekdotenbuch. Ich habe in den vergangenen Jahren damit angefangen, Tagebuch zu schreiben. Und ich werde auf große Tour gehen.

Sie planen auch eine Latino-Platte. Was hat es damit auf sich?

Ich habe schon immer Lust gehabt, ein Latinopop-Album zu machen. Und das werde ich mit einer außergewöhnlichen Band tun. Ich werde Musiker aus Südamerika dazu holen. Das Projekt ist angedacht, aber noch nicht in Vorbereitung.

Auf "Stimme mit Flügel(n)" singen Sie auch in verschiedenen Sprachen.

Es macht riesigen Spaß, wenn man eine Sprache gesanglich lernt, ohne dass man sie sprechen kann. Es ist auch eine Vorbereitung für eventuelle Übersetzungen meiner Alben. Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man in einer anderen Sprache singt. Italienisch fühlt sich völlig anders an als Französisch. Dadurch singt man tatsächlich anders, man bekommt einen ganz anderen Gesangsstil. Das ist schon fast wissenschaftlich interessant.

Sie sind in Sibirien geboren. Werden Sie auch mal auf Russisch singen?

Das ist richtig schwer. Selbst für jemanden, der es mal gesprochen hat. Aber vielleicht versuche ich es mal, meine gesamte Familie spricht ja Russisch.

Welche Beziehung haben Sie zu Ihrer früheren Heimat?

Ich bin Russlanddeutsche, und insofern habe ich eine andere Beziehung zu dem Land als gebürtige Russen. Meine Eltern wurden während des Krieges verschleppt. Ich weiß, dass die russische Zeit eine sehr schwere und schmerzhafte für meine Familie war. Ich habe 1998 meine Heimat besucht und war überwältigt. Es war einerseits sehr traurig wegen der Armut, andererseits ist Sibirien ein unfassbar schönes Land.

Sie haben vor der Veröffentlichung der neuen Platte ein Testkonzert in der JVA Lingen gespielt. Wie kam es dazu?

Es gab eine Anfrage der JVA. Am Anfang dachte ich, sie machen Witze. Es war ein besonderes Publikum, dadurch dass es ein Männerknast war und im Publikum fast nur Männer saßen. Man merkte denen schon an, dass sie ausgehungert sind. Es war laut und enthusiastisch. Ich habe mich ein bisschen wie Johnny Cash gefühlt. (tso/ddp)

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