Julia Decks Roman "Winterdreieck" : Zwei Damen vom Meer

Julia Decks Roman „Winterdreieck“.

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Das Meer im Sinn.
Das Meer im Sinn.Foto: Paul Zinken/dpa

Einen Gebrauchtwagen würde man dieser aparten jungen Frau wohl kaum abkaufen. Bérénice Beaurivage heißt in Wahrheit anders. In einer Bahnhofsbuchhandlung lässt sie eine Ausgabe von Racines Stück „Bérénice“ prompt mitgehen. In Le Havre bewohnt Mademoiselle ein kleines, ihr zu quadratisches Appartement. Als der Chef der neuen Angestellten einen Sommerurlaub verweigert, bedroht sie ihn mit einem auf Höchststufe geschalteten Haushaltsgerät – einem Quirl?

Das ist noch eine der harmloseren Fragen, die Julia Decks geheimnisvoll flirrender Kurzroman „Winterdreieck“ offen lässt. Erneut arbeitslos, gibt sich „Bérénice“ als Romanschriftstellerin aus, in der Hoffnung, bald ein sorgenfreies Leben im Salon und der Eckbadewanne führen zu können, wie sie es in Illustrierten gesehen hat. Stets das Meer im Sinn, bricht sie nach Saint-Nazaire auf, wo einst die Passagierfähren nach Mexiko ablegten. Dort ist das Schiff „Sirius“ vom Stapel gelaufen, das ihr bereits in Le Havre auffiel. Ein Zwillingsschiff? „Sie müssen einen Doppelgänger gesehen haben, also weder genau dasselbe noch ein komplett anderes. Sirius, erklärt der Steward, ist einer der Sterne aus dem Winterdreieck, das, von uns aus gesehen, fast gleichseitig wirkt.“

Das Glück begegnet ihr in Gestalt eines Schiffsinspektors

Damit ist das zentrale Doppelgänger-Motiv von Julia Decks zweitem Roman benannt, der sich geografisch und von den Figuren her im Dreieck entfaltet. Denn in Saint-Nazaire begegnet Bérénice das Glück in Gestalt eines solventen, lüsternen Schiffsinspektors. Blöd bloß, dass sich auch eine Journalistin namens Blandine Lenoir für ihn interessiert, angeblich zu Recherchezwecken: „Ich klopfte an die Tür. Sie öffnete sich, so als hätten die beiden schon auf mich gewartet, und ganz unvermittelt bildeten wir ein Dreieck aus vollkommen gleich langen Schenkeln. Meine beiden Gegenüber hatten ungefähr die gleiche Größe: Er war sehr groß, sie durch ihre Absatzschuhe auch.“

Architekturkritischer Essay, Sozialreport und Rail-Novel zwischen Le Havre, Saint-Nazaire und Marseille, Umsteigen in Paris inklusive: „Winterdreieck“ vereint all das mühelos und bleibt dennoch durchweg geheimnisvoll. Blandine und Bérénice haben sich nach Figuren aus Eric Rohmers Film „Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek“ (1992) benannt. Doch wer ist wer?

„Winterdreieck“ ist bei Les Éditions de Minuit erschienen, dem Stammverlag der Autoren des Nouveau Roman. Wie Michel Butor in seinem grandiosen Nordengland-Epos „Der Zeitplan“ (1956) exakte architektonische Beschreibungen mit verschwimmenden Handlungslinien kontrastiert, wird auch hier der Textfluss wie von Pfeilern unterbrochen, bewegen sich die Hochstaplerinnen durch unwirtliches Hafen- und Industriegelände. Den Leser aber lassen sie bezaubert und verwirrt zurück, was nicht zuletzt Antje Peters kristalliner Übersetzung zu verdanken ist.

Julia Deck. Winterdreieck. Roman. Aus dem Französischen von Antje Peter. Wagenbach Verlag. 144 Seiten, 17,90 €.

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