Juliano Mer Khamis : Das Herz von Jenin schlägt nicht mehr

Grenzgänger, Friedenskämpfer: Der arabisch-israelische Theatermacher Juliano Mer Khamis ist ermordet worden. Die Berliner Schaubühne zeigt am 8. und am 10. April den Dokumentarfilm "Arnas Kinder" über Mer Khamis' Mutter, der Gründerin des Freedom Theatres.

von
Juliano Mer Khamis probt mit seinem Freedom Theatre in einem Flüchtlingslager in Jenin.
Juliano Mer Khamis probt mit seinem Freedom Theatre in einem Flüchtlingslager in Jenin.Foto: AFP

Die Bewohner von Jenin haben immer wieder Grenzen überwunden. Die Stadt steht für Gewalt und ist doch einer der wenigen Hoffnungsschimmer im israelisch-palästinensischen Konflikt. So spendete der Palästinenser Ismail Khatib die Organe seines toten Sohnes Ahmed an Kinder in Israel, damit sie leben können. Der Sohn war von der israelischen Armee erschossen worden. Der bewegende Dokumentarfilm „Das Herz von Jenin“ hat seine Geschichte auch in Deutschland bekannt gemacht, 2010 gewann er den Deutschen Filmpreis.

Ein anderer Grenzgänger in der palästinensischen Kleinstadt und dem angrenzenden Flüchtlingslager war der wunderbare arabisch-israelische Schauspieler und Theatermacher Juliano Mer Khamis. Er leitete das Freedom Theatre und eine Schauspielschule für Jugendliche aus dem Flüchtlingscamp. 2009 machte es auf seiner Welttournee auch in der Berliner Schaubühne Station und wurde umjubelt. Am Montag nun haben Unbekannte den warmherzigen, humorvollen und engagierten 53 Jährigen in seinem Auto im Flüchtlingslager Jenin erschossen.

Die Kugeln trafen einen radikal Unabhängigen. Er kritisierte ebenso die israelische Besatzung wie die Enge und Rückwärtsgewandtheit im palästinensischen Denken. Es gelang ihm, traumatisierte Jugendliche aus dem von Israel 2002 belagerten und in Teilen von Bulldozern niedergewalzten Flüchtlingslager neue Perspektiven zu geben: Er zeigte und bewies ihnen die Vorteile von Kreativität und Selbstfindung gegenüber Verbitterung und dem Griff zur Waffe.

„Als ich 2003 hierher kam, fand ich einen Sumpf vor, einen Dschungel des dumpfen Überlebenskampfes. Hier brauchen sie Krankenhäuser, kein Theater, dachte ich zunächst“, erzählte der in Nazareth geborene Mer Khamis bei einem Treffen im Frühjahr 2010 in Jenin. Großgewachsen, in Jeans und T-Shirt und mit Bart, eine imposante Erscheinung. Nach Jenin war er nicht zufällig gekommen. Familiäre Bindungen zogen den Sohn einer jüdischen Israelin und eines christlichen Palästinensers her. Seine Mutter Arna Mer, eine kommunistische Friedensaktivistin, hatte hier während der ersten Intifada 1987 ein Theaterprojekt eröffnet, für das ihr 1993 der alternative Nobelpreis zugesprochen wurde.

Es war Zakaria Zubeidi, Kämpfer der Al-Aqsa-Brigaden und einer der „Helden“ der Intifada, den man für seine Überlebensfähigkeit bewunderte, der ihn überzeugte, dass hier sehr wohl wieder ein Theater gebraucht würde. „Zakaria rief mich an und sagte, wir müssen jetzt etwas Neues aufbauen“, erinnerte sich Mer Khamis. Die beiden kannten sich, weil Zakarias Mutter einst Mer Khamis’ Mutter ein Haus für ihr Theaterprojekt zur Verfügung gestellt hatte.

2004 drehte Mer Khamis einen Film über das Leben seiner Mutter („Arnas Kinder“), 2006 wurde das Kulturhaus eröffnet: mit großem Theatersaal, Proberäumen, einer Art Wohnzimmer mit Teeküche und einem winzigen Kinozimmer. Etwa 150 Jugendliche besuchen hier Kurse, und 18- bis 25-Jährige können eine zweijährige Schauspielausbildung machen. 18 000 Besucher kamen 2009 zu Aufführungen in das einzige Theater im Norden der Palästinensergebiete, erzählt Mer Khamis, nicht ohne Stolz.

„Früher wollte hier jeder junge Mann ein Märtyrer werden“, erzählte Mer Khamis. Er habe versucht, dieses Rollenmodell zu verändern. Der 21jährige Mu’ min kämpfte einst in der Intifada, heute will er Schauspieler werden. „Ich werde hart arbeiten und es bis nach Hollywood bringen“, meint er. Die Tournee des Freedom Theaters durch Europa war sein erster Kontakt mit der Welt außerhalb Palästinas. „35 Tage Freiheit“, in denen er zum ersten Mal das Meer sah und Eisenbahn fuhr. Mu’mins Freund Raed hat einen der Kurse in Dramatherapie belegt. „Ich fühle mich schuldig am Tod meiner Schwester, die von den Israelis getötet wurde, als sie nach mir suchten“, erzählt der junge Mann, der am Anfang nur stumm auf der Bühne stand. Dramatherapie ist ein Weg, die psychologischen Probleme von Ex-Kämpfern und Opfern von Gewalt anzugehen, weil Psychotherapie in der konservativen palästinensischen Gesellschaft immer noch verpönt ist.

Das Theaterprojekt ist nicht unumstritten, weil es unkonventionell ist. So unterrichten hier junge Freiwillige aus aller Welt. Offiziell proben Mädchen und Jungen getrennt, nur die professionellen Schauspielschüler arbeiten offen zusammen. „Wenn sie 14 Jahre alt sind, müssen die meisten Mädchen zu Hause bleiben und sich auf ihre Hochzeit vorbereiten“, klagte der Theatermacher. Also gab er diesen Mädchen Videokameras, mit denen sie zu Hause drehen konnten, ohne das Theater betreten zu müssen.

Ohne seinen Manager Adnan wäre das ganze Projekt allerdings undenkbar gewesen. Adnan stammt aus einer sehr religiösen und für ihre Beteiligung am bewaffneten Widerstand bekannten Familie. Zwei seiner Brüder starben bei Kämpfen, ein Bruder sitzt noch immer in Israel im Gefängnis. „Sie haben Widerstand geleistet, ich tue es auf meine Weise“, sagt Adnan und weiß, dass er dem ungewöhnlichen Projekt so auch Akzeptanz in einem skeptischen Umfeld verleiht. Dennoch gab es schon vor einigen Jahren zwei Brandanschläge und Drohungen gegen den so schwer einzuordnenden Theaterleiter.

Die Ideen, die Mer Khamis mitbrachte, waren brisant: Er entzog sich all den ethnischen, politischen und religiösen Zuschreibungen, die im israelisch-palästinenischen Konflikt so festgezurrt scheinen. Unerschrocken trat er gegen die Mehrheitsmeinungen an. In Israel beschimpften einige ihn als Verräter. Vermeintlich positive Reaktionen waren: „Dann bring diesen Barbaren mal etwas Zivilisation bei.“ Viele Palästinenser wiederum misstrauten dem Israeli, der so gar nicht dem Feindbild entsprach. Wenn Mer Khamis sich selbst als „100 Prozent jüdisch und 100 Prozent palästinensisch“ bezeichnete, verwirrte das alle Seiten. Damit führte der Vater zweier Kinder seinen Schülern eine intellektuelle Unabhängigkeit vor, die in Palästina selten ist.

Trotz aller Erfolge stellte sich der Künstler die Frage nach dem Sinn seines Projekts. Denn immer noch dauern die israelische Besatzung und Unterdrückung an. Daher fürchtet Mer Khamis eine erneute bewaffnete Intifada. Er bezeichnet sie als „Bumerang“ für die Palästinenser.

Eigentlich hatte Mer Khamis in dem ehemaligen Intifada-Kämpfer Zakaria Zubeidi einen Schutzengel gefunden. Mehrfach gab es Schwierigkeiten mit den Brüdern von Schülerinnen. Die Mädchen waren mit männlichen Schauspielern im Vorgarten des Theaters, also in der Öffentlichkeit, gesehen worden. Zubeidi entschärfte solche Situationen. Für einen Rundgang mit Besuchern durch das Flüchtlingslager rief Mer Khamis den großgewachsenen Veteranen herbei. Ob die schützende Begleitung für die ausländischen Besucher notwendig war oder für ihn selbst, blieb damals offen.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben