Kultur : "Julie Johnson": Panorama: Weg mit den Nein-Männern!

Kerstin Decker

Gegen Emanzipationen aller Art spricht eigentlich nur eines: Sie sind nicht lustig. Für keinen der Beteiligten. Insofern ist der Emanzipationsfilm als solcher das schwerstmögliche Genre. Ist der tierische Ernst nicht per se unkünstlerisch? Selbstverständlich könnte man einen lustigen Film über die Emanzipation machen, aber das wäre dann eben kein emanzipatorischer Film mehr.

"Julie Johnson" hat es geschafft. Denn "Julie Johnson" ist ein hammerharter Emanzipationsfilm, aber man merkt das gar nicht. Er meint es bitterernst und ein bisschen unernst zugleich. Stellen wir uns eine durchschnittliche New-Jersey-Hausfrau mit zwei Kindern vor. Sie heißt Julie und hat das Gesicht von Lili Taylor.

Wie jede durchschnittliche New-Jersey-Hausfrau besitzt auch Julie eine allerbeste Freundin. Das ist Courtney Love. Großes Herz, große Brüste, großer Mund. Ist das jetzt schon eine antiemanzipatorische Beschreibung? Dann nehmen wir sie sofort zurück. Julie jedenfalls gehört zu jener Sorte Ehefrau, die andauernd wissenschaftliche Spezialmagazine vor ihrem Mann versteckt, um nicht dessen Missfallen zu erregen. Also deponiert sie die letzten Nummern der "Science" an für einen Mann besonders schwer zugänglichen Orten.

Schau mal, könnten jetzt die gemäßigten Feministinnen sagen, jeder normale amerikanische Spießer wäre doch stolz darauf, wenn seine Frau in ihrer Freizeit die "Science" lesen würde, das Neueste von theoretischer Physik und Mathematik für Nobelpreisträger, Hauptsache, sie macht vorher ihren Abwasch. - Frauen haben grundsätzlich niemals Freizeit, würden die Radikal-Feministinnen sicher antworten. Regisseur Bob Gosse hat sich ihnen angeschlossen. Wie er Julies Ehemann aufschreien lässt, als sie ihn beim Familienabendbrot ganz vorsichtig um Erlaubnis bittet, den Volkshochschul-Nachtkurs "Einführung in die Welt der Computer" besuchen zu dürfen. Obwohl, hat er denn geschrien? Nein, schlimmer. Er hat Julie angesehen wie ein dummes, ungezogenes Kind und ein kurzes, hartes Nein! gesprochen.

Und dann? Dann wird Julie natürlich ihren Nein!-Mann rausschmeißen und Claire den ihren. Dann werden beide zusammenziehen und entdecken, dass Frauen auch Frauen lieben können, was völlig logisch ist, weil Frauen nun mal die liebenswerteren Geschöpfe sind. Dann wird Julie Physik studieren. Früher, im Sozialismus, nannte man das die "freie Entfaltung der allseitig gebildeten Persönlichkeit". Hier die New-Jersey-Variante. Bleibt nur ein Problem - der Zuschauer. Ist er an dieser Stelle der Erzählung nicht schon in Ohnmacht gefallen? Ist er nicht. Irgendwann schaffen es Lili Taylor und Courtney Love, dass man nicht anders kann, als ihnen mit ganzer Anteilnahme zuzusehen. Und hätten wir ihre Männer nicht schon längst auf die Straße gesetzt? Ohne Koffer.

Aber nun kommt es. Das Finale. Der zweite Teil. Der, den Emanzipationsgeschichten sonst nicht haben. Das Eingeständnis: Emanzipation macht nicht glücklich, sie ist nur notwendig zum Man-selbst-Sein. Macht Man-selbst-Sein glücklich? Nichts Schrecklicheres als jener Moment, da Claire doch nicht mit Julie am College studieren will. Und ausziehen. Endlich wieder richtige Parties mit - schlimmes Wort - richtigen Menschen. Richtigen Männern? Ein großer kleiner Film über große kleine Menschen.

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