• Julius Schoeps verteidigt preußische Tugenden auf dem Jahrestreffen der Gesellschaft für Geistesgeschichte

Kultur : Julius Schoeps verteidigt preußische Tugenden auf dem Jahrestreffen der Gesellschaft für Geistesgeschichte

Bodo Mrozek

In Potsdam sind vielleicht noch mehr als in Berlin Vorgestern und Übermorgen vereint. Amerikanische Multimedia-Unternehmen sind hier heute ebenso beheimatet wie die aus Ruinen auferstandenen "Langen Kerls", die gelegentlich zur nostalgischen Freizeitparade aufmarschieren. Die exponierte Lage im historisch-politischen Irgendwo hatte die Gesellschaft für Geistesgeschichte wohl dazu animiert, ihr Jahrestreffen diesmal im Potsdamer Alten Rathaus abzuhalten. Nach "Leitbildern in Staat, Politik und Gesellschaft der Wilhelminischen Epoche" wollte man suchen. Doch ging es dabei nicht nur um Historie, es standen gegenwärtige Werte zur Disposition.

Mit "Ordnung, Pflichterfüllung und Sparsamkeit" sprangen einem eben jene "Sekundärtugenden" im Programm entgegen, die Oskar Lafontaine einmal als Eigenschaften bezeichnete, "mit denen man auch ein KZ führen" könne, womit er eine Debatte lostrat. Heute nähert man sich der alten Wertedebatte mit neuer deutscher Unbefangenheit. Nur so ist zu erklären, dass die Veranstalter das Motto der Tagung "Preußischer Stil" stillschweigend von einem Buchtitel Arthur Moeller van den Brucks, des nationalkonservativen Autors von "Das Dritte Reich" (1931), übernehmen konnten - und sich niemand darüber wunderte. Draußen herrschte Kaiserwetter, drinnen preußische Sparsamkeit. Den Kaffee in den Vortragspausen musste man - bei Tagungen höchst unüblich - mit zwei Silberlingen bezahlen. Man tat dies überwiegend klaglos, nur mit der geforderten Pünktlichkeit haperte es noch. Ständig klappte die Tür, auch während des Vortrages von Detlef Merten (Speyer) über preußische Traditionen als "Anforderungen an das Beamtentum".

Die Bestechlichkeit sei in Preußen weit besser bekämpft worden als anderswo, führte der Jurist aus - in offensichtlicher Unkenntnis der Ergebnisse der Sozial- und Professionsgeschichte, die gerade dem preußischen Beamtentum blühende Ämterpatronage und einen schwunghaften Titelhandel nachwies. Die Gegenwart zeichnete Mertens weniger glänzend: Der "Dienst" sei heute "zum Job degradiert", eine Frauenquote "reaktionär", Flexibilisierung eine "modische Formel" und die Vaterlandsliebe zum "sogenannten Verfassungspatriotismus" verkommen. Der ehemalige Richter und verbeamtete Professor beendete seinen Vortrag mit flammenden Worten: "Wenn der Bundeskanzler Schneid gehabt hätte, dann hätte er einen Herrn Lafontaine mit der Bundeswehr zurück ins Amt getrieben."

Anknüpfend an die zackigen Worte bemühte sich Michael Salewski nachzuweisen, dass der "preußische Militarismus" weitgehend ein Mythos sei. Es habe ihn im Grunde nicht gegeben, sagte der Kieler Militärhistoriker, allenfalls unter Wilhelm II. Diese überraschende These bediente sich einer mäandernden Argumentation: "Militarismus" sei die Dominanz des Militärischen über das Politisch-Zivile. Da aber im Nationalsozialismus das Militär mehrheitlich nicht gegen das Politische, nämlich Hitler, opponiert habe, könne man auch die NS-Zeit nicht "militaristisch" nennen. Ein Offizier der Bundeswehr im Auditorium musste ihn darauf hinweisen, dass möglicherweise die Übereinstimmung der Militärs mit der damaligen Politik sie am Opponieren hinderte.

Peter Steinbach (Berlin) und Ernst Piper (München) brachten die Tagung wieder auf einen seriösen Kurs. In den Zielen der Widerständler vom 20. Juli fand Steinbach nur wenig preußische Traditionsstiftung. Anders Piper, der bei Nationalsozialisten und Konservativen Revolutionären fündig wurde. Propagandaminister Goebbels habe zwar auf "preußischen Durchhaltewillen" rekurriert, der rassistische Chefideologe Alfred Rosenberg hatte aber starke Vorbehalte gegen Bismarck ebenso wie gegen Spenglers Begriffspaar "Preußentum und Sozialismus".

Gegen die "Verteufelung" der preußischen Tugenden zog der Judaist und Gastgeber Julius Schoeps zu Felde, indem er für die "Tugend-Trias" Pünktlichkeit, Ordnung und Sparsamkeit eintrat. Am Abend fragten sich Diskutanten von Rang und Herkunft, ob die bereits angestellten Betrachtungen nicht doch etwas "unzeitgemäß" seien: Der Potsdamer Polizeipräsident Detlef Graf von Schwerin und Seine Königliche Hoheit, Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, beide Historiker, begrüßten die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff galant mit Handkuss, Gabriele von Arnim moderierte. Als Bürgerliche saßen der Jurist und Strandburg-Forscher Dietrich Schwarzkopf und Julius Schoeps auf der Bühne. Während sie sich für einen neuen alten Tugendkanon aussprachen, hatten die beiden anderen Herren ihre Probleme mit den "sogenannten Tugenden". Der Prinz fühlte sich dabei nach eigenem Bekunden "ungemütlich", der Polizeipräsident hielt die Eigenschaften, die man in Dachau auf das Dach einer KZ-Baracke gemalt hatte, für "absolut desavouiert". "Man muss den Staat vom Individuum her denken und nicht von oben nach unten", gab Schwerin mit einem Hinweis auf das Grundgesetz zu bedenken.

Am Ende warf ein Teilnehmer den Adornoschen Begriff des "autoritären Charakters" in die Debatte, ohne den man "so eine Diskussion vor 30 Jahren nicht hätte führen können", aber da war es bereits zu spät. "Preußen", soll Bismarck einmal gesagt haben, "ist wie eine Strickjacke. Sie kratzt und wärmt." Im Verlauf der Tagung sah es immer wieder so aus, als wolle man die Jacke neu stricken. Bei genauerem Hinsehen aber ergab sich: Die Jacke ist heute weit kratziger als zu Bismarcks Zeiten, und neu ist sie auch nicht - allenfalls mit Perwoll gewaschen.

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