Kultur : Jung, klug, neugierig

Denken für morgen: Die Debatten-Zeitschrift „Polar“ feiert Jubiläum

Marianna Lieder

„Es sind immer die anderen, die sterben.“ Die Worte, mit denen sich Marcel Duchamp einst über die gesellschaftliche Todesvergessenheit mokierte, stehen heute auf seinem Grabstein. Der Neokonzeptkünstler Jonathan Monk hat das existenziell-ironische Statement seines Ahnen in der Frühjahrsausgabe der Zeitschrift „Polar“ aufgegriffen: „As yet untitled“ heißt die wohl einprägsamste Bilderstrecke des Hefts, auf der acht fast identische Grabsteine zu sehen sind, die mit der Inschrift „your name here“ den Betrachter auffordern, seinen Namen einzumeißeln.

Genau genommen hätte ein Halbjahresmagazin wie „Polar“, das seit seiner Gründung vor fünf Jahren ohne stabile ökonomische Basis zurechtkommt und davon lebt, seine Autoren erst gar nicht zu bezahlen, bei jedem zweiten Erscheinungstermin einen Grund, in Geburtstagsstimmung zu verfallen. Stattdessen kommt Nummer zehn der vom Frankfurter Campus-Verlag herausgegebenen „Zeitschrift für politische Philosophie und Kultur“ als Memento Mori im Paperback-Format daher.

„Tod und Gesellschaft“ prangt pink auf dem Cover; ein Heft über „den Tod als Skandal und Politikum“, zugleich aber auch Aufruf zum „Leben in der Immanenz“, wird im Editorial angekündigt. Monk verlangt einem mit visuellen Mitteln das Eingeständnis der eigenen Endlichkeit ab, vor allem aber wird die große menschliche Verdrängungsleistung in Textform attackiert: Über vierzig Essays, Prosaminiaturen, Interviews, Rezensionen, selten ist ein Beitrag länger als vier Seiten. Auffällig auch, dass das Gros der Autoren in den achtziger Jahren geboren ist und zum Teil noch studiert.

Peter Siller und Bertram Keller leiten die zehnköpfige Redaktion, die ihre Konferenzen in Berlin abhält, und gehen nebenbei ihrem eigentlichen Broterwerb nach. Keller arbeitet als Jurist in Berlin, Siller ist Geschäftsführer eines Exzellenzclusters an der Goethe-Universität Frankfurt. Insgesamt tragen mehr als siebzig Personen – Kulturschaffende, Wissenschaftler, Politiker – zu Inhalt und Gestaltung von „Polar“ bei. Sie halten bundesweit Kontakt und haben in Berlin den Verein polarkreis e. V. gegründet.

Seit dem ersten Heft hat man sich der Interdisziplinarität verschrieben, ansonsten herrscht größte Freiheit. Man versteht sich als undogmatisch „linkes“ Forum, das unabhängig von den Gepflogenheiten einer bestimmten parteipolitischen oder akademischen Szene, die gesellschaftliche Debattenkultur beleben will. Zweifellos bietet auch die aktuelle Ausgabe hierfür genug Stoff: Biopolitik, die Situation in der Altenpflege, das Unbehagen im Umgang mit dem Soldatentod in postheroischen Zeiten, daneben jede Menge aus Film, Kunst, Literatur, Theater, Pop und Internet.

Das Oberthema Tod verleiht den meisten Beiträgen ohnehin zeitenthobene Aktualität, und die, die etwas angestaubt wirken, wie etwa das Interview mit Jean Baudrillard aus dem Jahr 2000, punkten dafür mit Glamour. Neben der Vielfalt an Inhalten, Gattungen und Positionen, unterscheiden sich die Texte voneinander bisweilen auch deutlich im Niveau: So liest man sich sofort fest an einem Beitrag wie dem von Petra Gehring, die scharfsinnig Probleme in der Hirntod-Diagnostik aufgreift, ebenso wie am Fragment von Francisco Varela, der mit phänomenologischer Wucht seine Erfahrung einer Lebertransplantation beschreibt.

Anders verhält es sich mit dem Text „Niemand stirbt!“, der sich im Stil einer Seminararbeit an der Todessymbolik in politischen Protestbewegungen abarbeitet. Aus früheren Heften kennt man die Kolumne „Ist es links?“. Die ist allerdings keinesfalls als sprichwörtlich roter Faden geeignet, der zumindest ein wenig Ordnung in das diskursiv-kreative Chaos von polar brächte. Damit muss sich der Leser schon selbst arrangieren, wie mit seiner Endlichkeit.

Polar. Zeitschrift für politische Philosophie und Kultur. 10. Ausgabe, Frühjahr 2011: Tod und Gesellschaft, Campus Verlag, Frankfurt a. M. 192 S., 14 €. – Am heutigen Sonnabend um 19.30 Uhr feiert die Zeitschrift in den Berliner Sophiensälen ihr Jubiläum (Eintritt frei). Anschließend Tanz in den Mai mit DJ Jens Friebe.

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