Junge Deutsche Philharmonie im Radialsystem : Stehen will gelernt sein

Die Junge Deutsche Philharmonie trifft im Radialsystem auf Tänzer von Sasha Waltz und bietet ein Spektakel, dass es sich zu sehen und zu hören lohnt.

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Gerne in Bewegung: die Junge Deutsche Philharmonie
Gerne in Bewegung: die Junge Deutsche PhilharmonieFoto: Achim Reissner

Fangen wir mit Anja Silja an, obwohl sie an diesem Abend im Radialsystem gar nicht da ist. Anja Silja also sagte einmal, dass es eine Kunst sei zu stehen. Die Sängerin meinte es nicht einmal als Metapher, sie sprach tatsächlich vom Dastehen. Und zwar auf der Bühne. Wer das nicht beherrscht, aber dennoch dazu aufgefordert ist, weil zum Beispiel die szenische Einrichtung von Jochen Sandig es verlangt, sieht schnell aus wie ein kunstwollender Primat in Menschengestalt. Und so stehen denn auch die Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie im Radialsystem zwar sehr aufrecht und ordentlich da, Rücken gerade, Arme herabhängend (locker, bloß nicht verspannen!), der Blick bemüht ohne jede Richtung – und dennoch sieht es ulkig aus.

Denn so hat man schon viele Schulmusiker Entspannungs- und Auraübungen machen sehen oder, anders gesagt, genau das ist eben das Schöne an professionell Ausgebildeten, dass sie solche Situationen herstellen können, ohne dass es bei den Zuschauenden zu freundlichem Spott kommt. So wie jetzt, da die Orchestermitglieder nacheinander ihre Schuhe abstreifen, die Stehpositionen verlassen und in den Konzertsaal hinübergehen, Besucherinnen und Besucher hinterher.

Sammlung der Gedanken und Sinneseindrücke

„Un/Ruhe. Freispiel 2016“ ist dieser gerade beginnende Abend überschrieben, eine Gemeinschaftsarbeit von Sandig, der Jungen Deutschen Philharmonie und der Tanzkompanie „Sasha Waltz & Guests“, diesmal in der Choreografie von Antonio Ruz. Es ist ein Abend aus Licht (betreut von Jörg Bittner), modernem Tanz und hochprofessionell dargebotener Musik. Und so bleibt es natürlich nicht bei dieser ersten, gleichsam Schuhe ausziehenden Sammlung der Gedanken und Sinneseindrücke.

Innen im Konzertsaal geht es erst richtig los: Sylvain Cambreling dirigiert Wagners „Tristan“-Vorspiel, zunächst in vollständiger Dunkelheit. Gemächlich erheben sich die ersten Takte aus der Finsternis, mit einer Bewusstheit, die an Thomas Manns Beschreibung einer „ausschweifenden und quälenden Langsamkeit, mit beunruhigend gedehnten Pausen zwischen den einzelnen Figuren“ erinnert und die zugleich ein ganz Eigenes addiert, nämlich Schönheit und Wehmut. Ein wunderbares Orchester!

Die Musik ist im Einklang mit dem Ringen und Winden der Tanzenden

Und ein Dirigent, der um die nur hauchdünnen Nahtstellen weiß, die die Kunstmusik des späten 19. Jahrhunderts mit derjenigen der Moderne verbinden, der dieses große Vorspiel ebenso zu vergegenwärtigen weiß wie Rebecca Saunders’ Violinkonzert „Still“, das die eigentliche Mitte des Abends darstellt. Saunders’ dafür eigens erweiterte Komposition von 2011 ist ein fabelhaftes Stück Musik, bald in nadelfeine sphärische Streicherklänge aufgesplittert, bald mit totaler Blech- und Schlagzeuggewalt niederdonnernd, hier in äußerste Anspannung ausgreifend, dort in klug gesetzten Generalpausen ruhend.

Sechs Tänzerinnen und Tänzer lassen dazu ekstatische Zuckungen in Leidens- und Staunensposen arretieren. Ein Herzschlag puckert in der Schlagzeuggruppe. Ein Tänzer steht da – und zwar vollkommen –, ein anderer geht langsam durch sehr scharfen Lärm. Carolin Widmann spielt ihre Partie mit flatternden Fingern und schließt sich dem Quälen, Ringen und Winden der Tanzenden immer wieder an. Kurz, es ist ein Spektakel, das zu sehen und zu hören den Zuschauer ebenso fasziniert, wie es körperlich anstrengend ist.

Jedenfalls hat die Sopranistin Ana Durlovski, die danach die Solopartie in Bergs „Lulu Suite“ zu singen hat, das Nachsehen. Denn nach diesem sensuellen Overkill (und das in den Sommerferien!), nach einem weiteren Manöver, das die Orchestermitglieder choreografisch einbindet, ist in der Gehirnschublade kaum Platz für noch mehr. Glücklicherweise umrankt Jochen Sandig diesen dritten Programmpunkt mit nur schmalen Effekten, zwei Tänzer hier, ein flackerndes Licht dort, Durlovski, über eine Wendeltreppe gehend. So oder so ist der Jubel groß an diesem Abend im Radialsystem.

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