Junge Deutsche Philharmonie : Wie uns die Alten sangen

Die Junge Deutsche Philharmonie spielt Mahler und Schostakowitsch im Scharoun-Saal. Eine reife Leistung ohne Larmoyanz.

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Die Junge Deutsche Philharmonie bei einer Probe.
Die Junge Deutsche Philharmonie bei einer Probe.Foto: Junge Deutsche Philharmonie

Jenen Vorteil, den spritzig-motivierte Jugendorchester gegenüber den routinierten professionellen Kollegen haben, büßen sie meistens wieder ein, wenn es darum geht, ein einheitliches Klangbild zu formen. Weil es sich bei den Nachwuchsensembles wegen der fluktuierenden Besetzung andauernd ändert. Daher arbeitet die Junge Deutsche Philharmonie nach dem Projektprinzip: Mehrmals im Jahr bereitet das Orchester ein Programm vor und geht damit dann auf Tournee.

Schlusspunkt der Frühjahrsreise war auf Einladung der Berliner Philharmoniker nun der Scharoun-Saal. Jonathan Nott, der die Junge Deutsche Philharmonie seit drei Jahren betreut, stellte sein Programm unter das Motto „Abgesang“. Durchaus mutig, wenn man bedenkt, dass es bei Mahlers „Kindertotenliedern“ und Schostakowitschs 15. Sinfonie nicht nur darum geht, die Partitur professionell zu bewältigen. Es bedarf einiger Lebenserfahrung und persönlicher Reife, um den Sinn dieser Werke zu verstehen und damit auch die Interpretation so zu bereichern, wie es der Notentext selbst nicht zu vermitteln vermag.

Nicht ein Gramm Larmoyanz

Insbesondere bei Mahler können sich die jungen Musiker sehr wohl in die Gefühlstiefe dieses Abschieds hineinversetzen. Nott scheint viel Aufklärungsarbeit geleistet zu haben, in seinem frischen Dirigat stört nicht ein Gramm Larmoyanz. Mit klaren Linien, durchsichtigen Strukturen und dem Verzicht auf pseudopassionierten Extremismus bietet die Junge Deutsche Philharmonie große Verlässlichkeit für die ständigen Stimmungswechsel.

Ihre Plastizität könnte beispielgebend für den Gesangspart sein, doch Mezzosopranistin Michelle Breedt macht aus Mahler eher eine Fricka-Farce. In der warmtönigen Mittellage setzt sie sich kaum durch, in der Tiefe forciert sie unpassend, und in der mit Wagner-Vibrato überladenen Höhe ist sie von der Ausdifferenzierung des Orchesters weit entfernt.

Umso eindrucksvoller gelingt nach der Pause dann Dmitri Schostakowitschs Schwanengesang: Im Alter von 65 Jahren hatte der Komponist von der sowjetischen Kulturbürokratie kaum mehr etwas zu befürchten – und so konnte er ganz unverhohlen eine musikalische Bilanz seines widersprüchlichen Lebens ziehen. Auch sein letztes sinfonisches Werk fordert vom Orchester beides, technische Perfektion und Wachsamkeit für die Sphäre zwischen den Notenzeilen: Zitate, Anekdotisches, Plakatives, Ironie. Jonathan Nott vermittelt kompromisslos, die jungen, solostarken Musiker setzen grandios um. Eine reife Leistung in jeder Hinsicht.

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