Junge Filmemacher : Wir sind unsere härtesten Kritiker

Andres Veiels Schüler: Die Regisseure von Super Neun helfen sich gegenseitig beim Filmemachen. Alle wollen Verleiher oder Sender für sich gewinnen.

Anna Pataczek

Wenn sich die Filmemacher des Kollektivs Super Neun nicht als Hebammen sehen würden, dann wären sie Konkurrenten. Alle sind Absolventen der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Alle haben einen unterschiedlichen Geschmack. Alle wollen Verleiher oder Sender für sich gewinnen. Fünf junge Frauen und vier junge Männer haben vor über drei Jahren beschlossen, sich gegenseitig beim Filmemachen zu unterstützen. Wenn wieder einmal die Nachricht kommt, dass eine Arbeit verkauft wurde oder auf einem Festival läuft: „Dann freuen wir uns für den anderen“, sagt Florian Aigner, „wir sind doch die Geburtshelfer.“

Super Neun wurde während eines Seminars geboren, das der Dokumentarfilmer Andres Veiel („Black Box BRD“, „Die Spielwütigen“, „Der Kick“) leitete. Das Konzept dahinter ist weniger ästhetisch als pragmatisch. „Wir sind unser erstes Publikum“, sagt David Sieveking. Die Gruppe unterstützt sich, indem sie sich kritisiert. Sieben Filme sind inzwischen fertig geworden. An diesem Wochenende laufen sie im Kino Babylon-Mitte: Sieben Werke, die so unterschiedlich sind wie ihre Macher: Teresina Moscatiello, Nadja Höhfeld, Eva Stotz, Anne Pütz, Florian Aigner, David Sieveking, Sebastian Heidinger, Donald Houwer und Hanna Doose.

„Sollbruchstelle“ von Eva Stotz etwa ist ein beobachtender Essay über den Wert von Arbeit in der deutschen Gesellschaft. Ausgangspunkt war die Geschichte des eigenen Vaters, der nach vierzig Jahren aus seiner Firma gemobbt wurde. Der Personalleiter steckte ihn ein Einzelbüro und verhängte eine Kontaktsperre zu den Kollegen. Die Bilder sind Chiffren des Arbeitsalltags: Blicke in erleuchtete Bürotürme, müde Gesichter im Berufsverkehr, kontrastiert von einem Schäfer in einer romantischen Landschaft.

Kurios dagegen wirken die „Jesus Freaks“, die Anne Pütz in ihrem gleichnamigen Film porträtiert. Die Jesus Freaks sind eine freichristliche Bewegung mit jugendlichem Anstrich. Gott wird dort „krass verehrt“, wie die Mädchen Claire, Helke und Mireille sagen. Anne Pütz hat es geschafft, die sogenannten „Godis“ bei intimen Momenten wie dem Beten oder der Taufe zu filmen. Das ist keine Zurschaustellung von Sonderlingen, sondern ein einfühlsamer Blick auf drei junge Frauen, die auf der Suche nach Identität sind.

Auf der Suche nach Geld für den nächsten Druck sind die drei Heroinsüchtigen, die Sebastian Heidinger in seiner Dokumentation „Drifter“ begleitete. Aileen, Angel und Daniel, zwischen 16 und 26, leben auf der Straße und prostituieren sich. Für diesen Film, der ohne Interviews auskommt und die jungen Menschen ohne Sensationslust in ihrem alltäglichen Kampf begleitet, ist Heidinger auf der Berlinale 2008 mit dem Preis der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ ausgezeichnet worden. Ein ästhetisches Dogma hat die Gruppe Super Neun nicht. Wenn ein Markenzeichen gefunden werden sollte, dann ist es der vertrauensvolle Umgang mit den Protagonisten, der diese sieben durchweg intensiven Filme vereint. Das macht sie gleichzeitig schonungslos: Die Kamera filmt, wenn sich einer der Drogensüchtigen in der öffentlichen Toilette eine Spritze setzt. Die Kamera filmt, wenn der Vater plötzlich in Tränen ausbricht, aufsteht, aus dem Bild geht und einen leeren Stuhl hinterlässt. Die Filme lassen ihren Zuschauern Zeit zum Hinschauen. Schlägt da der Einfluss des Dozenten durch? „Andres Veiel sagte immer, das Seminar sei ein Akt der Entschleunigung“, erinnert sich Sebastian Heidinger.

Das war auch manchmal nötig. David Sieveking („Senegallemand“) hatte damit zu kämpfen, dass sein Kameramann an der senegalesischen Grenze festsaß. Die Beziehung zwischen Eva Stotz und ihrem Vater litt unter den Dreharbeiten. Sebastian Heidinger hing an seinen „Regie-Eitelkeiten“ und wollte sich von Szenen, die ihm besonders gefielen, die die anderen aber überflüssig fanden, nur ungern trennen. „Wir waren drei Jahre lang zusammen als Gruppe auf Forschungsreise. Wir haben uns entwickelt“, sagt Teresina Moscatiello („Weltverbesserer auf dem Schlachtfeld“). Davon soll nun der Nachwuchs profitieren. Zu ihrem Filmfest erscheint in der Reihe „Praxis Film“ (uvk) ein Buch, in dem sie sehr persönlich von der Entstehungsgeschichte ihrer Filme berichten, ein Making-Of mitsamt allen Anfängerfehlern. Peinlich ist ihnen das nicht. „Wir haben Erfahrung hoch neun gemacht“, sagt David Sieveking. Die anderen nicken begeistert. Ein neues Wortspiel ist geboren.

Babylon-Mitte, 31. Januar und 1. Februar, mit Workshop von Teresina Moscatiello, Gespräch mit Andres Veiel und Party. Programm: www.super-9.de

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