Junge Italiener : Etwas Neues wagen

Die junge italienische Schriftstellerin Paola Soriga über die Perspektiven ihrer Generation.

Paola Soriga
Stimme ihrer Generation: Paola Soriga.
Stimme ihrer Generation: Paola Soriga.Foto: ullstein bild/Brigitte Friedrich

80 Euro kostet eine Stunde beim Therapeuten, dem man erzählt, dass man keinen Euro besitzt und nicht weiß, wie es weitergehen soll: Der Arbeitsvertrag ist nicht verlängert worden, für die letzten drei Jobs ist das Geld noch nicht da und keiner antwortet auf deine zahllosen Mails mit angehängtem Lebenslauf. Das ist einer der Widersprüche unserer Zeit. Eine neuere Studie des Psychologenverbands spricht vom „Prekariatssyndrom“ und bestätigt, dass es in den vergangenen Jahren einen Boom von Patienten zwischen 30 und40 Jahren gab, die kommen, um vor allem über ihre Probleme im Arbeitsleben zu reden.

Im Land mit einer der höchsten Arbeitslosenraten in Europa gehört es mit zum Schwierigsten, sich klarzumachen, dass das nicht dein persönliches Problem ist und nicht der Versuchung zu erliegen, sich entmutigen zu lassen, sich unfähig und nutzlos zu fühlen. Mit dem Prekariat müssen die Italiener schon seit Jahren leben. Wir sind so aufgewachsen: Mit Eltern, die ein Leben lang ein und dieselbe Arbeit gemacht haben, die gespart haben, damit wir studieren konnten.

Nun sind wir eine Generation arbeitsloser Akademiker. Früher gab es die wenigen Glücklichen, die die Möglichkeit zum Studium hatten und wussten, dass sich das auf dem Arbeitsmarkt auszahlen würde. Heute gibt es uns. Wir haben im Ausland gelebt, andere Sprachen gelernt und müssen uns nun fragen, wozu das alles gut war.

Es gibt viele Romane über die Krise junger Italiener

Viele entschließen sich zu gehen: nach England, nach Spanien (jedenfalls bis vor ein paar Jahren, als die Krise noch nicht zugeschlagen hatte), nach Australien, nach Deutschland, sehr viele nach Berlin. Auch wenn nirgendwo das Paradies ist, auch wenn es derzeit überall wenig Arbeit gibt, so scheint das immer noch besser, als in Italien zu bleiben, wo es noch weniger Perspektiven gibt.

Seit etwa zehn Jahren hat das Prekariat auch in der Kunst mit Macht seinen Niederschlag gefunden. Angefangen bei dem 2006 erschienenen Romanpamphlet von Michela Murgia „Il mondo deve sapere“ („Die Welt soll es wissen“), einer Anklage gegen die Ausbeutung in den Callcentern, bis zum jüngsten Versroman des jungen Francesco Targhetta „Perciò veniamo bene nelle foto“ („Warum wir auf Fotos gut aussehen“) von 2012: Es gibt viele Romane über die Krise junger Italiener.

Diese Bücher erzählen von der schwierigen und frustrierenden Wirklichkeit, in der die meisten derer stecken, die Ende der 1970er und in den 1980er Jahren geboren wurden: die Jahre nach der Universität in einer Art Niemandsland, vertan mit anspruchsvollen Masterstudiengängen, in denen ein Praktikum dem andern folgt, immer auf der Suche nach Möglichkeiten, die sich dann in nichts auflösen.

Brillante Akademiker werden zu Drogendealern

Einen ironischen Blick darauf wirft der Erstlingsfilm von Sydney Sibilia „Smetto quando voglio“ („Ich kann jederzeit aufhören“), der im letzten Winter in Italien in die Kinos kam. Seine Helden sind ein Kreis von Freunden, sämtlich Leuchten universitärer Forschung, aber ohne Stelle oder bezahlten Forschungsauftrag.

Mattia und Giorgio, zwei brillante Altphilologen, arbeiten als Tankwarte, der Chemiker Alberto ist Tellerwäscher in einem Chinarestaurant, Arturo, ein arbeitsloser Anthropologe, stellt sich bei einem Autoverschrotter als ungebildeter und ungehobelter Vorstadttyp vor, wird aber vom Chef enttarnt, der ihn als Uniabsolventen erkennt, weil er ein paar „schwierige“ Wörter benutzt. „Ich hab keinen Abschluss, ich hab keinen Abschluss“, sagt er immer wieder, als er seine Chance auf eine normale Arbeit schwinden sieht.

Schließlich entschließt sich der Neurobiologe Pietro, seine revolutionären und von der Universität ignorierten wissenschaftlichen Entdeckungen zu nutzen, um eine neue „smarte“ Droge zu kreieren. Wie in der US-TV-Serie „Breaking Bad“ steigen die Freunde in Produktion und Verkauf ein und machen rasch Geld.

„Auf die Jugend von heute spuck ich“

Im Jahre 1998 sang die italienische Band Afterhours: „Auf die Jugend von heute spuck ich“ und machte sich damit über Pseudo-Alternative lustig, die an einem Tag einen Ausflug mit Papas Boot unternehmen und am nächsten ein Konzert im linken Jugendtreff besuchen. „Gib deinem Papa das Geld zurück“ skandierte sie.

Heute gibt es viele, die ihren Eltern tatsächlich gern das Geld zurückgeben würden und lieber nicht gezwungen wären, wieder bei ihnen zu wohnen. Aber sie schaffen es einfach nicht. Und weil die Poesie womöglich besser als alles andere unsere Zeit erfassen und wiedergeben kann, vergleicht heute Vasco Brondi, ein junger Rock-Songwriter, das unsichere Heute mit der Nachkriegszeit: Auch wenn wir glücklicherweise in Frieden und Demokratie aufgewachsen sind, stehen wir doch vor Trümmern und müssen nach Wegen für einen Neuanfang suchen.

„Vielleicht muss man alles vergessen wie nach einem Krieg und vor den Bars tanzen wie mancherorts im früheren Jugoslawien. Vielleicht muss man das, was kommt, aus zerbrechlichem und kostbarem Material bauen. Auch wenn man nicht weiß, wie das geht.“

eCopyright 2014 Paola Soriga, c/o Agenzia Santachiara. Aus dem Italienischen übersetzt von Andrea Dernbach.

Paola Soriga, geboren 1979 in Uta (Cagliari), Sardinien. Sie studierte Literatur in Pavia, Barcelona und Rom, wo sie heute lebt. Im vergangenen Jahr erschien im Verlag Klaus Wagenbach ihr Roman „Wo Rom aufhört“.

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