Junge jüdische Literatur aus Deutschland : Hinter den Fenstern des Zuges die Nacht

Fragen zur Vergangenheit: Jan Himmelfarbs Familienroman „Sterndeutung“ stellt dem russisch-deutschen Judentum keine gute Prognose.

Jakob Hessing

Am Vorabend der Wiedervereinigung lebten in Berlin und Westdeutschland nur kleine jüdische Gemeinden, die sich in der Nachkriegszeit zusammengefunden hatten und seither völlig überaltert waren. Mit der Wende änderte sich das radikal. Die sogenannten Kontingentflüchtlinge aus den GUS-Staaten ließen Deutschlands jüdische Bevölkerung in kürzester Zeit um ein Vielfaches anwachsen.

In der Gegenwartsliteratur zeigt das schon deutliche Spuren. Überall in Europa haben Juden auf Deutsch geschrieben, in Prag und in London, in Paris, in Czernowitz und Lemberg, und in Deutschland kommt jetzt eine Gruppe von Autoren und Autorinnen hinzu, die dem russischen Kulturraum der ehemaligen Sowjetunion entstammen. Es ist literarisches Neuland, wovon sie erzählen, doch ihre Narrative legen verborgene Beziehungen frei und führen dem deutschen Leser ein Stück seiner eigenen Geschichte vor Augen.

Wladimir Kaminer, einer der ersten russischen Einwanderer, der als deutscher Autor bekannt wurde, hat sich diesen Bezügen in seinen burlesken Erzählungen noch verweigert, aber die Barriere ließ sich nicht lange aufrechterhalten. Bald haben Autoren wie Vladimir Vertlib und Katja Petrowskaja das Unvermeidliche in den Blick gebracht: den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Invasion der Sowjetunion. Das war auch deshalb notwendig, weil die Autoren vor der Frage stehen, warum sie selbst in Deutschland leben. Oft wählen sie das Genre des Familienromans.

Jan Himmelfarb, der mit „Sterndeutung“ jetzt sein Debüt vorlegt, reiht sich in dieses Muster ein. 1985 in der Ukraine geboren, kam er mit sieben Jahren nach Deutschland, er gehört zur Generation der Kinder, die als Kontingentflüchtlinge aufgewachsen sind. Seinen Roman über diese frühen Jahre aber legt er einem Mann in die Feder, der sein Vater sein könnte: Arthur Segal, Jahrgang 1941, ist Übersetzer und zeitweise Autohändler. Wie sein Erfinder trifft er bald nach der Wende in Deutschland ein.

Die beiden unvereinbaren Berufe des Ich-Erzählers sind ein kluger Kunstgriff Jan Himmelfarbs. Segal muss sein Geld als Autohändler verdienen, weil er nur vorgibt, als Übersetzer zu arbeiten. In den vielen Stunden an seinem Schreibtisch entsteht stattdessen der Text, den wir lesen. Es ist eine Engführung zweier Lebensalter: Geburt und frühe Kindheit in der Sowjetunion während des Krieges – und die ersten Erfahrungen im Lande des ehemaligen Feindes, in das er nun eingewandert ist.

Die Ambivalenz seiner Erzählsituation zeigt sich schon in Arthur Segals Schwierigkeit, den Ort seiner Geburt zu bestimmen. Er kommt in dem Zug zur Welt, in dem seine Mutter aus dem ukrainischen Charkow nach Osten evakuiert wird, als die deutschen Truppen anrücken. Es ist dunkel im Abteil: „Bei meiner Geburt schlug kein Falter gegen eine Glühbirne.“ Wie Günter Grass seinen Oskar Matzerath die Blechtrommel schlagen lässt, um sich an die eigene Geburt zu erinnern, so lässt auch Jan Himmelfarb seinen Arthur Segal zu den Anfängen zurückkehren. Er sucht nach den Sternen, unter denen seine Geburt stand, aber das wegen Fliegeralarm „verdunkelte Zugfenster offenbarte kein einziges jener Gestirne“.

Hier gewinnt die Sterndeutung Konturen. Der Zug, der ihn nach Osten bringt, hat ihn gerettet, gerade das aber liegt jetzt wie ein Schatten über seiner Existenz. Während er an seinem deutschen Schreibtisch sitzt, weiß Arthur Segal, dass es damals auch andere Züge mit anderen Menschen gegeben hat. Man hatte ihnen die Sterne ihres Schicksals aufgezwungen, Judensterne, mit denen sie in ihren Tod fuhren. Dieses Schicksal war auch ihm zugedacht gewesen.

„Jude sein bedeutet für mich nichts anderes als Gesehen-haben-müssen“, heißt es gegen Ende. Das Schuldgefühl des Überlebenden zwingt ihn zur Erinnerung, doch niemand darf es wissen. Deshalb tarnt er sich als Autohändler, deshalb schreibt er im Verborgenen. Sie sind zu viert nach Deutschland gekommen: mit Arthur auch seine Mutter, die ihn als Witwe eines gefallenen Vaters aufgezogen hat, Frau und Tochter. Drei Generationen, die in Wirklichkeit nichts wissen wollen von dieser Geschichte.

Die Mutter entzieht sich allen seinen Fragen zur Vergangenheit; die Frau lebt eine in der Sowjetunion lange angestaute Reiselust aus; und die Tochter, hochbegabte Studentin der Finanzwissenschaften, passt sich mit erschreckender Leichtigkeit dem neuen Kapitalismus an. Sie alle leben im Hier und Jetzt. Nur Arthur Segal schreibt und schweigt.

Jan Himmelfarbs „Sterndeutung“ stellt dem russisch-deutschen Judentum keine gute Prognose. Sein Roman ist nicht frei von den Fehlern eines Erstlings – zuweilen packt er zu viel hinein –, aber hier wird eine Stimme laut, die einen unverwechselbaren Klang hat.

Jan Himmelfarb: Sterndeutung. Roman. C. H. Beck, München 2015. 394 Seiten, 21,95 €

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