Kultur : Junge, Junge

Dennis Gansels Jugenddrama „Napola“ – ein Nazi-Schauermärchen

Jan Schulz-Ojala

Die Starken sind böse. Die Schwachen sind gut. Wenn ein Starker sich – ausnahmsweise – zu den Schwachen hingezogen fühlt, muss er den Schwachen wenigstens spielen. Und verlieren. Erst dann ist er wirklich stark.

Ein bisschen einfach – und nicht besonders neu – ist die Moral von Dennis Gansels „Napola“; die Moral, dass man auch in der Höhle des Bösen gut bleiben kann, wenn man nur will. Und ein bisschen naiv ist es auch, diese Gutmenschenbotschaft ausgerechnet aus einer Hitlerschen Kaderschmiede herauszuposaunen. „Napola“ erzählt vom Innenleben der nationalpolitischen Erziehungsanstalten, in denen der „Führer“ seine Elite für die Zeit nach dem Endsieg züchtete. Doch die dargestellte Napola Allenstein im Warthegau erweist sich bei Gansels gröberem Hinsehen allenfalls als superhartes Internat, als Schleiferkaserne, als x-beliebiges Drillinstitut, in der jugendlicher Wille eisern geformt wird. Oder eben widersteht, bis er zusammenbricht.

Der Starke heißt Friedrich (Max Riemelt spielt ihn mit vor allem physischer Präsenz) und ist ein junger Boxer. Vorm Weddinger Arbeitervater, der ihn in eine Lehrstelle drängt, reißt er aus zu den „Jungmannen“ in die Napola, wo er sich zur Leitfigur hochboxen soll. Und will. Der Schwache ist sein Stubenkamerad Albrecht (Tom Schilling wieder einmal als nervöses Jüngelchen), der Sohn des neuen Gauleiters: ein fragiler Schöngeist, den der Vater wie die anderen zum Erfüllungsgehilfen der Macht umgeschmiedet sehen will. So nimmt das Unglück für die beiden, die bald Freunde sind, seinen vorhersehbaren Lauf. Oder besser: das Drama.

Branchen-Medien führen „Napola“ unter dem Genre-Etikett „historisches Drama“. Der darin versteckte Hinweis, dass es in derlei Filmen zwar meist irgendwie um Geschichte, vor allem aber um ein Drama geht, ist gar nicht so verkehrt. Denn Gansel, ein 31-jähriger Nachgeborener mindestens der zweiten Generation, interessiert sich nicht wirklich für die Nazizeit, sondern für eine Coming-of-Age-Story mit Action (ein wenig anderer Action freilich als in seinem Erfolgsfilm „Mädchen Mädchen“). Die Zeitgeschichte ist bloße Kulisse – hätte Gansel Robert Musils „Zögling Törless“ verfilmt oder ein Remake von Lindsay Andersons „If“ gedreht, wäre der Rahmen, ob österreichische Kadettenpein oder britischer Eliteschulen-Horror, nur ein unwesentlich anderer gewesen. Doch spätestens seit dem „Untergang“ zieht die Nazi-Geschichte als ultimativ hausgemachter Grusel. 1942 könnte auch 1842 sein: ein Schauermärchen der Spätestromantik. Oder das finstere Mittelalter eines Jahrhunderts, das wir das Zwanzigste nennen.

Es gibt grausige, durchaus eindrucksvolle Szenen. Ein dauergequälter Bettnässer opfert sich und wirft sich bei einer Übung auf eine explodierende Granate. Beim Durchtauchen eines eiskalten Sees, einer anderen Strafaktion, gibt es einen weiteren Toten. Und bei seiner ersten Bewährungsprobe am Feind erschießt der junge Kadertrupp statt der vermeintlich bewaffneten Russen wehrlose Kinder. Doch was Gansels korrekt geölte Drehbuchmechanik freilegt, ist am Ende nicht mehr als die Struktur jedweder hierarchisch organisierten Gesellschaft. Auch, dass sie möglichst vaterlos sein muss, damit Überersatzväter à la Hitler richtig funktionieren: Man wusste es schon.

Relativiert Gansel also die Nazizeit in seinem nach allen Seiten sauber abgepanzerten Film? Um sie zu relativieren, müsste er sie erst einmal erfassen. So wie Oliver Hirschbiegels „Untergang“, das Werk eines anderen Begnadeten der späteren Geburt, die letzten Tage Hitlers zu erfassen vorgab, um darauf das pompöse Denkmal eines in der Niederlage vereinsamten und verdüsterten, auch großen Herrschers zu errichten. „Napola“ wendet sein historisch scharf eingrenzbares Thema lieber gleich ins Menscheln gegen das Teuflisch-Allzuteuflische. Gerade dies dürfte dem Film jene unbekümmerte Vitalität verleihen, mit der er locker durch unsere neuen Zeiten kommt.

Cinemaxx Colosseum, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Alexanderplatz, Kino in der Kulturbrauerei, Kosmos, Zoo-Palast

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