Junge Kunst : Auftauchen und verschwinden

Der Pop-Künstler Jim Avignon schaut in einer Ausstellung im Haus am Lützowplatz nach 20 Jahren zurück. Kreativität gepaart mit großer Produktivität, das machte ihn zum international bekanntesten Künstler Berlins.

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Hallo Berlin. Jim Avignon beim Aufbauen seiner neuen Ausstellung im Haus am Lützowplatz. „Hello Thor“ ist das Plattenlabel seiner Band Anxieteam.
Hallo Berlin. Jim Avignon beim Aufbauen seiner neuen Ausstellung im Haus am Lützowplatz. „Hello Thor“ ist das Plattenlabel seiner...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Erdferkel sind kleine, nachtaktive Tiere, etwas scheu, aber sehr sozial. 2004 hat Jim Avignon die Patenschaft für ein Erdferkel im Berliner Zoo übernommen. „Ich dachte, das passt“, sagt der Künstler und kramt das Beweisfoto aus einem Pappkarton. Ein Streich, ein Episödchen im Leben von Jim Avignon, der ab Freitag in einer Ausstellung auf mehr als 20 Schaffensjahre zurückblickt.

Zehn Tage vor Eröffnung steht ein gut gelaunter Jim Avignon zwischen Kisten und Papierrollen im Haus am Lützowplatz, einige Bilder haben er und seine Kuratorin Katharina Schilling schon aufgehängt, irgendwo muss man ja anfangen. Viele Rollen sind verknittert, Klebebandreste hängen dran, „Jim ist da sehr entspannt“, sagt Schilling. Avignon erzählt, dass er einige Arbeiten im Koffer von seinem aktuellen Wohnort New York nach Berlin mitgebracht habe. Wie er die da reingekriegt hat? „Gefaltet“, sagt der Künstler. Und wie kriegt er sie wieder glatt? „Na, bügeln.“

Die Kunst des Jim Avignon ist nicht gedacht für Samthandschuhe und Rahmen. Seine Arbeiten wurden als „Cheap Art“ bezeichnet, billige Kunst, die er für kleines Geld verkauft oder sogar verschenkt. Avignon arbeitet spontan und schnell, schafft 4,37 Werke am Tag, hat mal ein Journalist ausgerechnet. Die Zahl kann man vergessen, sagt Avignon, aber produktiv ist er, malt ganze Ausstellungen in einer Woche, manchmal erst während der Anreise: ran an den Großraumabteiltisch, Pappdeckel aus der Tasche, Farbtuben auf und los.

Mit seinen bunten, plakativen, oft mit Text versehenen Bildern irgendwo zwischen Pop, Politik und Picasso ist Jim Avignon zu einem der international bekanntesten Berliner Künstler geworden. Er verewigte sich an der East Side Gallery, gestaltete einen Buddy-Bären, schuf zur Wiedereröffnung des Olympiastadions ein 2800-Quadratmeter-Bild, designte eine Swatch-Uhr, dekorierte ein Flugzeug und ein Auto. Aber das sind die Großprojekte, teils Kommerzprojekte, Avignon ist heute weiter.

Laut Wikipedia wurde der Künstler am 24. Dezember 1966 als Christian Reisz in München geboren. „Alles Quatsch“, grinst Avignon. Er hat immer gern mit gefälschten Biografien gearbeitet: „Ich liebe ein Leben in Widersprüchen.“ Er will sich nicht festlegen lassen, am liebsten ist ihm die „Guerilla-Methode“: auftauchen und verschwinden, anderswo neu anfangen. Jim Avignon ist ständig unterwegs, auch im Kopf.

Schon sein Künstlername zeugt davon: Nach dem Abitur war er in Südfrankreich, verliebte sich, schlug sich als Straßenmaler durch. Er hatte einen Dalí-Bildband im Auto, also malte er jeden Tag ein Dalí-Bild nach. Später kamen andere Einflüsse dazu, Avignons Stil entwickelte sich auf dem Weg durch Bars und Clubs in Köln, München und Frankfurt. In den 90er Jahren prägte Avignon die Szene in der Techno-Metropole Berlin, malte live in Clubs, veranstaltete Crossover-Partys mit Kunst, Musik, Performance.

Schon früh kritisierte er das System Kunstmarkt. Auf der Documenta 1992 stellte er sich, uneingeladen, vor das Fridericianum und malte jeden Tag ein großes Bild, nur um es zu zerstören, indem er Omas, Kinder und Motorräder hindurchspringen ließ. Auch in Erfolgsphasen ließ Avignon sich nie korrumpieren: In mehreren Kunstprojekten hat er Geld spektakulär verprasst. Er will gar nicht reich sein: „Ich brauche mein soziales Umfeld, um so zu leben, wie ich möchte. Das geht nicht, wenn man so unterschiedliche Möglichkeiten hat.“ Ein Magazin bezeichnet ihn als „I-don’t-want-your-money-I-just-want-your-love-Künstler“.

Jetzt also die Rückschau. Da ist das Jubiläum. Und die neue Lebensphase: Avignon und seine Freundin haben mittlerweile eine einjährige Tochter: „Das Partyleben ist vorbei.“ Die Schau im Haus am Lützowplatz darf nun aber nicht als Abschluss verstanden werden, eher als Zwischenbilanz, als ein Sichfreimachen für Neues. Die Vorbereitungen sind jetzt schon schwierig genug: „Archäologie“ nennt Avignon die Suchbewegungen durch Kisten und Keller. Hilfreich war, dass Avignon sich schon beim Zusammenstellen des Posterbuchs, das zum Ausstellungsbeginn im Verlag Onkel & Onkel erscheint, genau mit seiner künstlerischen Biografie auseinandersetzen musste. Auf 48 Seiten sind Plakate von 1989 bis 2011 versammelt. Der auf 1000 Stück limitierte, nummerierte und signierte Band kostet 59 Euro.

Die Ausstellung präsentiert den Gesamtkünstler, den Maler, Musiker, Partymacher Jim Avignon. Eine Zeitleiste stellt wichtige Stationen dar. Dokumentarfilme werden gezeigt, Musikvideos und Flyer von Avignons 1998 gegründeter Elektropop-Band Neoangin. Dazu die Bilder, von 1991 bis heute, mit dem Schwerpunkt Berlin: Schon vor zehn Jahren warnte er vor Spekulanten, auf dem Bild „The new Berlin“ grinst ein Bankertrio unter dem Zickzack der Aktienkurse.

2006 hat Jim Avignon Berlin verlassen. „Die Stadt und ich, wir brauchten eine Pause voneinander.“ Er fühlte sich etabliert und eingeengt. Und weil seine neue Freundin aus New York kam, zog er eben zu ihr. „Brooklyn“, sagt Avignon, „ist gemütlicher als Berlin. Ich bin eine Woche hier und habe gleich zehn Verabredungen: da mitmachen, da auflegen, da ausstellen.“ In New York kommt er eher zur Ruhe – trotz der beiden Galerien, die er dort betreibt, und trotz seiner neuen Band Anxieteam, eine Kooperation mit dem englischen Künstler Jon Burgerman.

Mit Berlin hat Jim Avignon längst Frieden geschlossen, seine Kreuzberger Wohnung hat er ohnehin nie aufgegeben. Bis Ende Mai ist er noch in Europa, in gewohnter Hyperaktivität eröffnet er in dieser Zeit auch noch Ausstellungen in Hamburg und Stuttgart, fliegt für eine Woche nach Moskau. Vielleicht, sagt er, gibt es noch eine Show auf Mallorca. Auftauchen und verschwinden, es hört nicht auf, es geht einfach immer weiter.

„Me & the Establishment“, 15.4.–29.5., Haus am Lützowplatz, Tiergarten

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