Kultur : Junge Kunst, schnelle Autos

Kandidatenkür für den Nationalgalerie-Preis

Nicola Kuhn

Ein Räuspern vor dem ersten Wort wie ein aufheulender Motor. Dann legt Peter Raue, Vorsitzender des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, gewohnt rasant los. Die vier Kandidaten für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst kommen an diesem Abend in die Poleposition; anlässlich des Berliner Art Forums werden ihre Namen am Freitagabend auf einer Party im Autosalon bekanntgegeben: Tino Sehgal, Jeanne Faust, Ceal Floyer und Damian Ortega.

Junge Kunst passt zu schnellen Autos. Eine neue Zeitrechnung beginnt. Der Sponsor kommt nicht mehr ins Museum, sondern die Kunst kommt zu ihm. Also lädt der Verein der Freunde der Nationalgalerie als Preisstifter in die BMW-Vertretung am Kurfürstendamm. Autos sind zwar keine zu sehen, Kunstwerke ebenso wenig. Verhandelt werden Namen und Marken, und das Objekt steht erst am Ende der Verwertungskette.

Nicht von ungefähr entziehen sich genau in diesem Moment die Künstler der Vermarktung: Die Kandidaten glänzen durch Abwesenheit. Die Jury – bestehend aus Yilmaz Dziewior (KunstvereinHamburger), Ulrike Groos (Kunsthalle Düsseldorf) und Jens Hoffmann (ICA London) – wählte mit Faust, Floyer und Ortega bislang wenig geläufige Künstler, die kaum unter Glamour-Verdacht stehen. Anders überraschte die Nominierung von Tino Sehgal, der 2005 mit Thomas Scheibitz den deutschen Pavillon auf der Biennale di Venezia bespielte. Seine Popularität steht im Gegensatz zur geringen Bekanntheit der drei anderen Kandidaten. Andererseits entzieht sich seine Kunst, die allein in Handlungsanweisungen etwa für Museumsangestellte besteht, der Objekthaftigkeit. Das prädestiniert ihn wiederum für die eigenwillige shortlist des Kunstpreises, der 2007 im Anschluss an eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof verliehen wird.

Der Mexikaner Damian Ortega, zurzeit DAAD-Stipendiat in Berlin, hatte jüngst einen Auftritt bei der Berlin-Biennale. Von ihm stammte der bewegliche Tisch in einer Privatwohnung in der Auguststraße. Auch die Bildhauerin Ceal Floyer aus Pakistan lebt in Berlin, sie hinterfragt durch minimale Eingriffe an Alltagsobjekten die Wahrnehmung des Betrachters. Die Filmemacherin und Fotografin Jeanne Faust wiederum spielt in ihren dokumentarischen Aufnahmen mit festgefügten Vorstellungen von Nationalität. Nach den Großkalibern unter den letztjährigen Kandidaten gewinnt der Preis für junge Kunst eine überraschende Leichtigkeit.

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