Kultur : Junge Männer, alte Herren

KLASSIK

Jörg Königsdorf

Ob Rattle, Metzmacher oder Thielemann – es sind die Dirigenten zwischen vierzig und fünfzig, die bestimmen, welchen Weg die Institution Klassik-Konzert in den nächsten Jahren einschlagen wird. Auch Franz Welser-Möst gehört in diesen kleinen Kreis der Maestro-Entscheider, und dass die Berliner Philharmoniker den Chef des Cleveland Orchestra und der Zürcher Oper nach seinem verspäteten Debüt im letzten Jahr nun gleich zum zweiten Mal eingeladen haben, zeigt, dass sie von ihm richtungweisende Antworten erwarten. Doch mit eindeutigen Aussagen tut sich Welser-Möst in der Philharmonie diesmal schwer (noch einmal heute, 20 Uhr): Sicher, wie er den brütenden Kopfsatz der sechsten Schostakowitsch-Sinfonie ganz ohne Theatralik aus dem schwarzsamtenen Klang der Philharmoniker-Streicher modelliert, zeigt, dass dieser Schostakowitsch seine bekenntnishafte Intensität auch ohne pathetische Zuspitzung entfalten kann. Schwieriger tut sich Welser-Möst damit, sein Verhältnis zur eigenen, zentraleuropäischen Klassik-Tradition zu definieren. Sein Brahms blickt zurück auf alte Kapellmeister-Herrlichkeit, kann aber den Geist Karajans nicht wieder heraufbeschwören.

Die aufgezwungene Bedeutungsschwere bringt den Fluss der dritten Sinfonie allzu oft zum Stocken. Welser-Möst nimmt sich Zeit, aber er nutzt sie nicht, um das Stück genauer zu untersuchen. Brahms’ Werk klingt wie die Jugenderinnerungen eines alten Herrn, der manchmal poltert, gern sentimental wird und hin und wieder den Faden verliert. Mit dem bittersüßen Tonfall des Stücks tun sich auch die Philharmoniker nicht leicht: Jeder spielt – wenn auch teilweise sehr schön – für sich allein, zu einer Stimme finden die Musiker nicht.

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