Kultur : Junge spanischsprachige Autoren präsentieren sich in der Berliner Literaturwerkstatt

Jennifer Wilton

Lange Jahre standen sie im Schatten ihrer erfolgreichen Kollegen aus Lateinamerika, die spanischen Autoren von der iberischen Halbinsel. Das hat sich geändert. Glaubt man der einheimischen Kritik, so erlebt die spanische Erzählliteratur eine neue Blütezeit. Erstveröffentlichungen werden immer wieder als literarische Offenbarungen gefeiert. Dabei war es zu guten Teilen der Literaturbetrieb selbst, zu dem neben den beflissenen Journalisten und werbeaktiven Verlagen auch die zahlreichen Literaturpreise gehören, der diesem neuen "Boom" den Weg bereitete. Während in Deutschland jüngst eine Handvoll Schriftsteller zaghaft auf einem "Spiegel"-Titel posierte, sind ganzseitige Hochglanzfotos spanischer Autoren in Magazinen renommierter Tageszeitungen längst keine Seltenheit mehr.

Die Verkaufszahlen sind so hoch wie nie. Natürlich klagen nun manche, dabei bleibe bisweilen die Qualität auf der Strecke. Nicht umsonst hat sich in Spanien der Begriff der "Literatura Light" geprägt. Newcomern helfen noch am ehesten die Literaturpreise, einen Fuß in den Betrieb zu bekommen. Das erfuhr jüngst die 27-jährige Espido Freire, die im letzten Jahr eine der höchstdotiertesten jener Ehrungen erhielt. Sie wird zusammen mit Martin Casariego (geboren 1962) an einem von drei Abenden in Berlin die junge Literatur aus Spanien repräsentieren. Dass "jung" in diesem Zusammenhang ein dehnbarer Begriff ist, stellt wohl kein rein spanisches Phänomen dar. Andererseits, jung und weiblich - solche Qualitäten machen spanische Literaturkritiker erst mal misstrauisch. Um es vorweg zu nehmen: Ihr erster Roman "Die Cousine" ist nicht unbedingt ein Meisterwerk. Die jugendliche Protagonistin wird von ihren Eltern, um den Tod der Schwester zu verarbeiten, zur Familie aufs Land geschickt. Dort verbringt sie den Sommer, umgeben von Cousine, Cousin und deren Freunden, vor allem aber von den Geistern ihrer Kindheit. Ein Sommer, das ist vorauszusehen, der sie vom Kind zur Erwachsenen machen wird. Wie das Szenario, so entsprechen auch die Figuren in gewisser Weise Stereotypen. Andererseits: Da sind die poetische Sprache und eine Erzählweise, die die zerrissene Gefühlslage des Mädchens eindrucksvoll widerspiegelt; da ist eine Atmosphäre, in der Reales und Phantastisches, Wirklichkeit und Traum ineinander übergehen. Die gleißende Sonne Spaniens macht alles bald so unwirklich wie Nebel; und schon fühlt man sich in die angelsächsische Tradition des Schauer-Genres versetzt. Auch Martin Casariegos Roman "So ein alberner Satz wie Ich liebe Dich" handelt von den Wirren der Pubertät. Freilich ganz profan: Das Hauptproblem seines Protagonisten Juan ist, dass er sich trotz bester Vorsätze verliebt hat. Jetzt muß er sehen, wie er da wieder herauskommt, ohne das Gesicht zu verlieren. Ein unspektakuläres, sprachwitziges, charmantes Jugendbuch, das auch den erwachsenen Leser gut unterhält.

Bereits heute abend liest Care Santos, 30 Jahre alt, aus ihrem Erstling "Alondra tanzt den Tango". Die tragische Lebensgeschichte einer Tänzerin Alondra führt den Leser in die schillernde Welt des Barcelona der zwanziger Jahre. Dessen unruhig-aufregende Atmosphäre heraufzubeschwören gelingt ihr in den besten Momenten des Romans - und die sind nicht unbedingt mit dem Auftreten der eigentlichen Hauptperson verbunden. Obgleich das Geheimnis der Tänzerin bald vorauszuahnen ist: ein gut konstruiertes Buch. Mit ihr zusammen liest Fernando Aramburu aus seinem über 700 Seiten starken Epos "Limonenfeuer", dessen Geschichte in den Kreisen junger Künstler im San Sebastian der Nachfrancozeit spielt. Ganz im Zeichen Kubas steht der letzte Abend der Veranstaltungsreihe. Miguel Barroso läßt in dem Kiriminalroman "Wiedersehen in Havanna", seinen Helden in die Unterwelt der kubanischen Hauptstadt tauchen. "Erzähl mir noch einmal von Havanna" von José Ovejero handelt vor dem Hintergrund eines halben Jahrhunderts hispanischer Geschichte von verlorenen Idealen und enttäuschter Liebe. Das ist nicht schön, aber realistisch. Und überzeugend gut geschrieben.Dienstag Fernando Aramburu und Care Santos; Mittwoch Martin Casariego und Espido Freire; Donnerstag Miguel Barroso und José Ovejero). Beginn jeweils 20 Uhr.

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