Kultur : Junge Tradition

Das Wiener Dorotheum, fünftgrößtes Auktionshaus der Welt, will von München aus den deutschen Markt erobern

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Herr von Rassler, eine ehemalige österreichischkaiserliche Pfandleihanstalt, die bis vor drei Jahren noch staatlich war, wandelt sich zum internationalen Unternehmen. Seit Mai 2002 begleiten Sie das Wiener Dorotheum in seiner bisher wichtigsten Expansionsphase. Sie sind zuständig für die Kunst des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart und leiten seit sieben Monaten die Dependance am Münchner Hofgarten. Abenteuer oder Traumjob?

Von beidem etwas. Aber so verlief meine Karriere schon immer. Eigentlich sollte ich ja den Familienbesitz im württembergischen Weitenburg hoch über dem Neckartal übernehmen: Forstbetrieb, Schloss und Hotel. Nach dem Abitur habe ich als ältester von drei Jungen deshalb zunächst eine landwirtschaftliche Lehre in der Nähe von München gemacht. Anschließend ging ich Mitte der Achtzigerjahre nach Stuttgart, um Betriebswirtschaft zu studieren. Dort bin ich eher durch Zufall in die Kunstszene geraten.

Und plötzlich wussten Sie, dass Sie nicht Landwirt werden wollten?

Genau. 1988 ging ich für zwei Jahre zu Rudolf Zwirner nach Köln, damals einer der wichtigsten Galeristen Europas. Er arbeitete intensiv mit New Yorker Händlern zusammen – für mich eine Offenbarung.

Dorthin wollten Sie unbedingt ...

Absolut. Aber als ich mich im Frühjahr 1990 dort bewarb, war der Boom schon vorbei. Ich hörte also überall ein höfliches „thank you, but thank you“ – bis ich Larry Gagosian traf. Der fand meine Kontakte nach Europa gut und bot mir einen Job als Verkaufsmanager an. Das habe ich dann viereinhalb Jahre lang gemacht.

Stimmen die Klischees, er sei ein Geschäftshai?

Jedenfalls ist Gagosian ein messerscharfer Stratege, dessen Kreativität grenzenlos ist, wenn es um Business und Vermarktung geht. Und er arbeitete schon damals mit erstklassigen Experten zusammen.

Spezialisten sind auch das Kapital der Auktionshäuser. Wie viele beschäftigt das Dorotheum als fünftgrößtes Auktionshaus der Welt?

In 40 Departments arbeiten rund 70 Experten. Insgesamt haben wir über 400 Mitarbeiter und allein in Österreich 20 Standorte. Seit 1992 gibt es eine Filiale in Prag, wo auch versteigert wird. In Japan ist Toshi International unser Repräsentant. In Brüssel, Düsseldorf und jetzt auch München haben wir Niederlassungen.

Warum ausgerechnet München?

Wo sonst in Deutschland? In Berlin gibt es leider immer noch zu wenig Geld, Hamburg ist etwas abgelegen. Das Rheinland mit seinen hochkarätigen Sammlern haben wir mit Düsseldorf gut abgedeckt, und der ganze Süden bis nach Freiburg ist mit München als Standort optimal bedient.

Das Dorotheum veranstaltet pro Jahr mehr als 600 Auktionen. Die hat es seinen 40 Abteilungen mit ihrem Angebotsspektrum von Alten Meistern bis zu Briefmarken zu verdanken. Ist diese Variationsbreite auch heute noch ein erfolgreiches Geschäftsmodell?

Sicher. Die Vielfalt von Asiatika bis zum Design der Moderne ist eine unserer Stärken, damit können wir ein sehr breites Publikum ansprechen. Die unterschiedlichsten Kunden vertrauen uns ihre Nachlässe an.

Was sind die wichtigsten Schritte auf dem Weg in die Internationalität?

Erste Station unserer Standorterweiterung ist Deutschland. Hier sind wir am bekanntesten außerhalb von Österreich und hier haben wir 20000 aktive Käufer. Diesen Kunden wollen wir buchstäblich näher kommen, ihnen mit Expertentagen, Präsentationen der Highlights vor den Auktionen und Ausstellungen noch effektiveren Service bieten. Auch für die Akquisition von Objekten ist es von Vorteil, erreichbarer zu sein. Die Versteigerungen finden nach wie vor überwiegend in Wien statt. Das ist wichtig, weil die Stadt nicht nur eine grandiose Geschichte, sondern auch eine aufregend vitale zeitgenössische Kunstszene hat. Hier schließt sich wieder der Kreis zu einem Hauptziel unserer Erweiterung: Wir wollen auf dem Markt für internationale Kunst und Design des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart eine bedeutendere Rolle spielen.

Hierfür bringen Sie selbst beste Voraussetzungen mit.

Danke. Hinter mir steht ein Haus mit traditionsreichem Image und einem internationalen Netzwerk. Ein großer Pluspunkt ist, dass wir der Versteigerer mit den jüngsten Eigentümern und den innovativsten Ideen sind.

Wer sind die Besitzer?

Zunächst sollte man wissen, dass das Dorotheum nach wie vor nicht nur als klassisches Auktionshaus agiert, sondern auch als Pfandleiher. Darüber hinaus ist es Österreichs größter Juwelier, und es bietet diverse weitere Dienstleistungen wie Schätzungen, Diamantgraduierungen oder die Lagerung von Wertgegenständen. Seit Herbst 2001 haben wir drei neue geschäftsführende Gesellschafter, Lucas Tinzl, der den Bereich Handel verantwortet, Martin Ohneberg, der sich um Finanzen kümmert und Martin Böhm. Er stammt aus einer österreichischen Industriellenfamilie und ist für die Auktionen zuständig. Alle drei sind unter 40!

Und die innovativen Ideen? Sie sind ja nicht nur eine Frage des Alters ...

Natürlich nicht. Zum Beispiel haben wir gerade Millionen in ein neues Computersystem investiert. Außerdem gehört uns „one, two, sold“, eine Art österreichisches Ebay, von dem auch Deutschland bald hören wird.

Welche Chancen hat das Dorotheum im Wettbewerb mit anderen Auktionshäusern?

Man muss sich vergegenwärtigen, dass wir das größte Auktionshaus im deutschsprachigen Raum sind. Mit rund 80 Millionen Euro Jahresumsatz bewegen wir uns ziemlich konkurrenzlos im Mittelfeld zwischen den Global Players und den eher nationalen und lokalen Versteigerern. Unser Potenzial ist nicht zu unterschätzen.

Das Interview führte Eva Karcher.

Kommende Auktionen in Wien: 7. Mai, Design, Fotografie; 25. Mai, Klassische Moderne und zeitgenössische Kunst; 26. Mai, Jugendstil und angewandte Kunst des 20. Jh.; 27. Mai, Ölgemälde und Aquarelle des 19. Jh .

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