Kultur : Jungs singen nicht

Carsten Niemann

Wie wird ein adretter Junge zu einem, der andere aus Spaß piesackt? Was, wenn der nach außen hin Coole sich innen klein und bucklig fühlt, wie, wenn der überforderte Vater sich nicht anders zu helfen weiß, als seinen Sohn zu verdreschen? Und praktisch gefragt: Welche Macht der Welt kann ihn daraus erlösen? Auf die letzte Frage haben der Librettist Manuel Schöbel und der Komponist Frank Schwemmer eine Antwort. Sie heißt: die Macht der Freundschaft, der Fantasie und des Gefühls, das sich im Singen äußert - auch wenn Jungs eigentlich nicht singen. Oder vielleicht doch?

Schwemmer und Schöbel haben ihrem neuen Werk, das am zurückliegenden Wochenende in einer Koproduktion mit der Berliner Kammeroper im carrousel Theater uraufgeführt wurde, das Gewand einer Märchenoper übergestreift: "Der kleine Muck" erzählt Wilhelm Hauffs Märchen von dem Verwachsenen neu. Dabei dreht sie Hauffs Rahmenhandlung zum Märchen von der Stärke der Schwachen um: Nicht der Vater ist es, der den Sohn mit seiner Erzählung belehrt, sondern eine Katze zieht ihn in die Märchenwelt. Das Team für diese zweite Koproduktion der Berliner Off-Oper mit dem großen Kinder-und Jugendtheater war gut zusammengestellt. Alle Beteiligten haben Erfahrungen in ihrem Metier und doch Neuland betreten: Der Kindertheaterautor und carrousel-Intendant Schöbel als Librettist, Schwemmer als Komponist eines abendfüllenden Werks für Kinder und Michael Funke als Opernregisseur. Dem Schauspieler Roman Weltzien wurde für die Rolle des kleinen Muck auch Gesang abverlangt, die Opernsänger wurden heftig über die Bühne gescheucht. Ob Schwemmers Musik Oper oder Musical näher steht, ist zweitrangig: Es ist Musik, die sich die Klanglichkeiten holt, die sie gerade braucht.

Und die auf der Bühne funktioniert. Effektvoll instrumentiert, von Brynmor Llewelyn Jones untadelig dirigiert, kann sie einen Kammerensembleklang zu sinfonischem Sound aufblasen; ihr synkopischer Swing erhält das Spiel in Bewegung. Sie zitiert und übertreibt wie Andrea Eisensee, die lustvoll ihren Farbeimer über die Bühne schüttet. Die Sängerdarsteller geben sich dem Spiel mit ganzem Einsatz hin, allen voran Regine Gebhard als geschmeidige Katze. Und doch: Mehr als gute Unterhaltung hat dieses Märchen letztlich nicht zu bieten. Über dem bunten Treiben bleiben die Momente unentwickelt, um deretwillen die Geschichte doch erzählt wird. Denn mit seinem nur leicht ausgebeulten Rücken hat der niedlich-verängstigte Muck wenig gemein mit dem hässlichen, verstörten Kobold, von dem Schöbel selber spricht. Und auch der König wirkt am Ende mit seinen Eselsohren nicht lächerlicher, als wenn er zuvor im Nachthemd von der Macht singt. Der Sieg über so einen Popanz ist kein Sieg, sondern ein Gag. Und die Musik? Wo sie mit ihren Mitteln erzählen könnte, wie der verhärtete Muck das Singen lernt, da bleibt sie konturlos und beliebig.

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