Kultur : Jurassic Park III: Der nächste Nistplatz

Christian Schröder

Flugsaurier, so viel lernt man in "Jurassic Park III", sind äußerst geräuschempfindliche Tiere. In der beeindruckensten Kampfszene des Films wird ein Mann von einem Pterosaurus attackiert. Die Riesenechse packt den Unglücklichen aus der Luft, wirft ihn in einen Fluss und hackt mit seinem meterlangen Schnabel so lange auf ihn ein, bis sich das Wasser rötlich verfärbt. Dann endlich eilt ein Freund dem blutenden Opfer zur Hilfe. Er brüllt, kreischt und stampft mit dem Fuß auf, um den Saurier auf sich aufmerksam zu machen. Einen Moment lang starren zwei kalte Raubtieraugen frontal in die Kamera. Für den endlosen Augenblick von zwei, drei Herzschlägen scheint es, als könnte sich das Monster von der Leinwand ins Parkett stürzen, um sich eine neue Beute zu greifen. Seine Brut wartet auf Futter, und Menschenfleisch schmeckt Dinosaurierbabies besonders gut.

Schon "Jurassic Park" (1993) und "Lost World" (1997) waren bevölkert von Kreaturen, die furchteinflößend genug waren, um dem Zuschauer wohlige Schauer des Entsetzens über den Rücken zu jagen. Aber die Tyrannosauren mochten noch so riesig und die Raptoren noch so blutdürstig erscheinen, sie verloren doch nie den Boden der Tatsachen unter ihren bekrallten Füßen. Im dritten Teil von Steven Spielbergs paläontologischem Abenteuer schwingt sich das Böse nun in neue Dimensionen auf: in die Luft. Mit Hilfe modernster Computeranimation ist es gelungen, fliegende Reptilien zu erschaffen, deren Motorik lebensecht wirkt. Überhaupt hat sich die Tricktechnik seit dem Beginn der "Jurassic Park"-Serie sichtbar weiter entwickelt. Glaubte man bei den ersten beiden Filmen vor allem in den Panoramaaufnahmen von ganzen Dinosaurierherden noch, die Pixel auf der Leinwand zählen zu können, ist die Illusion inzwischen perfekt: Die Urzeitechsen erscheinen tatsächlich wie Wesen aus Fleisch und Blut.

Wer "Jurassic Park" und "Lost World" mochte, dem wird auch "Jurassic Park III" gefallen. Der Plot entstand zwar erstmals nicht nach einer Romanvorlage von Michael Crichton, unterscheidet sich aber dennoch nur marginal von seinen Vorgängern. Wieder spielt der Film auf einer abgelegenen Karibikinsel, wieder geht es für eine bunt zusammengewürfelte Besuchergruppe darum, das nackte Leben zu retten. Eigentlich hatte Dr. Grant, der von Sam Neill bereits im ersten Teil gespielte Saurierforscher, niemals wieder einen Fuß in die Jagdgründe dieser "genetisch konstruierten Themenparkmonster" setzen wollen. Doch dann bietet ihm ein Unternehmerpaar (Téa Leoni und der wunderbare William H. Macy) eine Millionenspende für seine Ausgrabungen, wenn er sie bei einem Rundflug über die "Isla Sorna" begleitet, auf der sich eine aufgegebene Zuchtstation für Dinosaurier befindet. In Wirklichkeit sucht das Millionärspaar seinen auf der Insel verschollenen Sohn (Trevor Morgan). Natürlich landet das Flugzeug, und natürlich wird es gleich nach der Landung von einem Saurier in seine Einzelteile zerlegt. Herr des Urwalds ist diesmal der Spinosaurus, ein zwanzig Meter langes Ungetüm, das auch einem ausgewachsenen T-Rex locker den Kopf abbeißen kann.

Steven Spielberg hat sich bei "Jurassic Park III" auf die Rolle des Ausführenden Produzenten beschränkt und Joe Johnston den Regiestuhl überlassen. Johnston, der sich schon mit "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft" und "Jumanji" als Special-Effects-Fachmann bewährte, liefert mehr ab als bloß Regieroutine. "Jurassic Park III" ist nicht nur spannender als der schwache Vorgänger "Lost World", seine Selbstironie kann es durchaus mit Spielbergs Serienstart "Jurassic Park" aufnehmen. So ist der furchtbare Spinosaurus immer schon von Weitem am Klingeln eines Mobiltelefones zu erkennen, das er mitsamt dem dazugehörigen Fernsprechteilnehmer verschlungen hat. Später wühlen sich Dr. Grant und seine Kombattanten durch metergroße Haufen von dampfender Dinosaurierkacke, um das Telefon wiederzufinden. Ein Anruf genügt, und die US-Army greift mit Landungsbooten und Hubschraubern ein, um die Gestrandeten zu befreien. Am Ende schweben noch einmal die Flugsaurier durchs Bild, in Flugrichtung USA. "Was glauben Sie, wo die hinwollen?", wird Dr. Grant gefragt. Und der wie immer äußerst sachliche Paläontologe antwortet: "Wahrscheinlich suchen sie sich einen neuen Nistplatz". "Jurassic Park IV", darf man also hoffen, wird auf keiner Insel, sondern etwa in den Häuserschluchten von New York spielen.

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