Kultur : Juristische Klimt-Züge

Die New Yorker Rekordauktion – von der Vergangenheit eingeholt

Bernhard Schulz

Der Kunstmarkt jubiliert. Mit 496 Millionen Dollar Erlösen erreichte die Versteigerung von Werken der Klassischen Moderne bei Christie’s in New York einen neuen Weltrekord. Der bisherige für eine einzelne Auktion stand bei 286 Millionen Dollar – erzielt vor sechs Jahren. Seinerzeit befand sich der Markt schon einmal im Höhenrausch. Derzeit sind es vor allem Finanzinvestoren, die den Kunsterwerb als ultimativen Statusnachweis entdeckt haben – ob sie darum schon zu dauerhaften Sammlern werden, darf bezweifelt werden. Bislang hat sich lediglich die Zeitspanne, nach der Erwerbungen erneut zur Auktion gegeben werden, drastisch verringert.

Zu den wahren Sammlern zählt allerdings Ronald S. Lauder, einer der beiden Milliardenerben des gleichnamigen Kosmetikkonzerns. Das von ihm gegründete Privatmuseum „Neue Galerie“ in New York ersteigerte das jüngst erst an die Erben der jüdischen Alteigentümer restituierte Spitzenwerk des Berliner Brücke-Museums, Ernst Ludwig Kirchners „Straßenszene Berlin“ von 1913/14, zum neuen Rekordpreis von 38,1 Millionen Dollar – rund das Dreifache dessen, was dem Vernehmen nach private Mäzene hätten aufbringen können, um das Bild für das Brücke-Museum zu erhalten.

Nun wandert es also in die „Neue Galerie“. Eigentümer ist allerdings eine anonyme Privatperson, die das Bild dem Haus an der Fifth Avenue zur Verfügung stellt. Das kann nur Lauder selbst sein. Er gab seinerseits ein Schiele-Gemälde aus der „Neuen Galerie“ auf die Rekordauktion, wo dessen „Einzelne Häuser“ von 1915 22,4 Millionen Dollar einspielten.

Die „Neue Galerie“ verstärkt systematisch ihren Bestand an deutschem Expressionismus. Kirchners jetzt versteigerte „Straßenszene“ war die letzte von elf verwandten Arbeiten, die auf dem Markt verfügbar war. Man darf unterstellen, dass Lauder, bei dem seit der „Washingtoner Erklärung“ von Ende 1998 zahlreiche Fäden des internationalen Restitutionsbetriebs zusammenlaufen, lange auf dieses Bild hingearbeitet hat.

Der Zufall wollte es, dass bei der New Yorker Auktion ein weiterer spektakulärer Fall anstand. Picassos Portrait seines Freundes „Angel Fernández de Soto“ von 1903 aus dem Besitz des Musical-Tycoons Andrew Lloyd Webber war mit 40-60 Millionen Dollar Schätzpreis eines der beiden höchstbewerteten Lose. Das Bild wurde aber, nachdem Julius H. Schoeps, Direktor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums, als Miterbe des jüdischen Berliner Vorbesitzers Paul Mendelssohn-Bartholdy Eigentumsansprüche angemeldet hatte, von Christie’s zurückgezogen. Dieser Fall, der sich ganz ähnlich dem Kirchner’schen darstellt – auch hier wurde unter dem Druck des NS-Regimes verkauft –, wird nun wohl durch die Instanzen gehen. Zumindest bleibt das Bild moralisch belastet.

In Berlin müssen die Stellungnahmen, die Christie’s zu dem Vorgang veröffentlichte, hellhörig machen. Sarah Jackson vom Londoner „Art Loss Register“, dem wichtigsten Verzeichnis für NS-Raubkunst, bemängelt die späte Anmeldung des Eigentumsanspruchs „angesichts der Tatsache, dass das Bild so oft ausgestellt war“. Erika Jakubowitz vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Wien assistiert: „Einen Anspruch zurückzuhalten und Klage in letzter Minute einzureichen, ist rücksichtslos und schädigt die Restitutionsempfänger insgesamt.“ Das gilt haargenau für den über viele Jahre hinweg unbeanstandeten Kirchner. Die in Kürze beim Kulturstaatsminister über Schlussfolgerungen aus dem Debakel tagenden Experten dürften sich diese Äußerungen sehr genau anschauen.

Den gewichtigsten Restitutionsfall allerdings markieren die vier Gemälde Gustav Klimts, die jüngst von Österreich an die in Los Angeles lebende Erbin der früheren Eigentümer, der Wiener Familie Bloch-Bauer, zurückgegeben wurden – unter nicht eben uneigennütziger Mitwirkung Lauders, der als ehemaliger US-Botschafter in Wien mit den dortigen Gegebenheiten bestens vertraut ist. Lauder selbst erwarb für den Weltrekordpreis von 135 Millionen Dollar direkt von der Erbin das herausragende Portrait „Adele Bloch-Bauer I“, und zwar ausdrücklich für seine „Neue Galerie“. Die anderen Bilder ließ er zur Versteigerung gelangen – wo ein zweites Bildnis der mondänen Adele Bloch-Bauer von Klimt nun für 88 Millionen Dollar den Spitzenpreis des Abends errang. Insgesamt erbrachten die vier Klimts 193 Millionen Dollar. Die an diesem Vorgang beteiligten Anwälte haben bei 40 Prozent Honoraranteil an dem um das Auktions-Aufgeld von 12 Prozent bereinigten Nettoertrag ausgesorgt. Der Leitgedanke der „Washingtoner Erklärung“, in Restitutionsverfahren eine beiderseits „gerechte und faire Lösung zu finden“, darf getrost ad acta gelegt werden.

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