Jurjews Klassiker : Aus Plus mach Minus

Sein überaus komödiantisches Werk hat eine einzigartige Tragik und Hoffnungslosigkeit: Oleg Jurjew erklärt, warum bei Nathaniel West immer alles schiefging.

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Oleg Jurjew.
Oleg Jurjew.Foto: Yura Okamoto

Aus dem Mann, der später zum unamerikanischsten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten wurde (natürlich nach Edgar Allan Poe), sollte ein mustergültiger Amerikaner gefertigt werden. Sein Vater, der 1902 aus einer baltischen Provinz des Russischen Reichs nach Amerika ausgewanderte Max Weinstein, war zu einem reichen Bauunternehmer geworden: Für ihn hatte sich die Verheißung erfüllt. Jetzt musste der Sohn, der 1903 in New York geborene Nathan, seinen Teil in Anspruch nehmen: zum Präsidenten werden, zum Gouverneur oder zum Millionär.

Eben deshalb schickte man ihn mit Nachdruck zum Baseball, eben deshalb wurde er mit Büchern gestopft, die den Weg eines armen Jungen zum Präsidenten, zum Gouverneur oder Millionär schilderten. Dieser Assimilationszwang führte bei einem trotzigen und zur individuellen Selbstdarstellung neigenden jungen Mann zur Identitätskrise und Versagensangst. Außerdem blieb Nathan Wallenstein Weinstein, der sich in Nathanael West umbenannte, in der amerikanischen Trivialkultur gefangen. Drei seiner vier schmalen Romane spielen innerhalb dieser Kultur, deren Mythen-, Menschen- und Situationsvorlagen: Der erste, „The Dream Life of Balso Snell“ (1931), ist eher experimenteller Natur).

Nathaniel West persifliert die Klischees, führt sie ad absurdum, aber nicht von außen, sondern von innen. Er hat keine andere Perspektive anzubieten, keine Alternative: weder eine „nicht verlogene“, „nicht primitive“ Kultur noch eine „wahre Wahrheit des Lebens“. West dekonstruiert die traditionelle amerikanische Selbstvorstellung, aber er konstruiert auf deren Ruinen keinen anderen „Überbau“. Das gibt seinem überaus komödiantischen Werk eine einzigartige Tragik und Hoffnungslosigkeit.

Am anschaulichsten wird das in seinem dritten Roman „Die glatte Million" (1933), der in einer guten Übersetzung und mit einem glänzenden Nachwort von Dieter E. Zimmer gerade wieder auf Deutsch erschienen ist (Manesse, Zürich 2011, 224 S., 19,95 €). Als unvorbereitete Leser wissen wir nicht, dass die Situationen und Figuren des Buchs eng an die Jugendtrivialromane von Horatio Alger, Jr. angelehnt sind, mit denen Nathan Weinstein in seiner Kindheit überfüttert wurde und deren Titel für sich sprechen: „From Canal Boy to President“, „From Farm Boy to Senator“ und so weiter.

Schon auf den ersten Seiten wird klar: Wir befinden uns in einer amerikanischen Bilderbuchbiographie. Aber statt alle Schwierigkeiten zu meistern und am Ende den Hauptgewinn („eine glatte Million“) zu bekommen, verliert Lemuel Pitkin Körperteile, wird geschunden, geschlagen, eingebuchtet, am Ende auch getötet – Lemuel, der neue Gulliver im Lande der übergroßen Liliputaner! Wichtig ist: Bei diesem systematischen Schiefgehen handelt es sich nicht um eine Konfrontation mit der Realität, wie es zum Beispiel in der schnell in den Sinn kommenden philosophischen Erzählung Voltaires „Candide oder der Optimismus“ der Fall ist: Der naive Held hat eine falsche Lebensphilosophie gelernt, deshalb bekommt er in der „realen Welt“ Unannehmlichkeiten. Hier wird nur die „andere Ausfahrt“ genommen: Alles endet immer schlecht, anstatt immer gut zu enden, der Plusmythos wird durch den Minusmythos ersetzt.

Nathaniel West war mit diesem Prozedere seiner Zeit voraus. Kein Zufall, das „A Cool Million“ nicht nur wenige Leser, sondern auch wenige gutgesinnte Kritiker fand – eine neue Enttäuschung im Leben von Nathan Weinstein. Dann fällte er eine typisch amerikanische Entscheidung – go west! West wurde Drehbuchschreiber in Hollywood, begann endlich Geld zu verdienen, heiratete, schrieb seinen vierten und berühmtesten Roman „Tag der Heuschrecke“ (1939), eine bissige Hollywood-Satire nach demselben Prinzip: „Ersetze Hollywood-Mythos durch Minus-Hollywood-Mythos“. Sein Leben hatte scheinbar einen guten Weg genommen. Aber am 22. Dezember 1940, auf dem Rückweg von einem Jagdausflug in Mexiko, verlor er die Kontrolle über sein Auto und verunglückte tödlich, zusammen mit seiner Frau. Wie hätte es für Nathan Wallenstein Weinstein auch ein Happy-End geben können.

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