Jurjews KLASSIKER : Der Teufel lauert überall

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Eine alte polnische Legende erzählt von einem Adligen, Pan Twardowski, der im 16. Jahrhundert seine Seele an den Teufel verkaufte. Dafür bekam er magische Kräfte, Reichtum und Ruhm. Er konnte den Zahltag lange hinausschieben, weil er eine pfiffige Klausel in den Vertrag geschrieben hatte: Die Seelenübergabe kann nur in Rom stattfinden. Selbstverständlich mied er die heilige Stadt wie die Pest, nicht aber eine Kneipe namens Rzum, wie Rom auf Polnisch heißt. Dort bekam ihn der Feind in die Krallen. Doch im letzten Moment sang der polnische Faust ein Kirchenlied, an die Matka Boska, die Mutter Gottes, und der Teufel musste ihn freilassen aus seinen Krallen ...

Der Großvater des großen sowjetischen Dichters Alexander Twardowski (1910 – 1971) wurde in seinem Dorf Sagorje Pan Twardowski gerufen, weil er seinen Armeedienst in Polen abgeleistet hatte. Der Rufname wurde zum Familiennamen. Sein Enkel war 14 Jahre alt, als er begann, für Zeitungen in Smolensk zu schreiben – Informationen über den Klassenkampf auf dem Lande und Propaganda-Gedichte. Der neue Staat brauchte schleunigst eine neue Literatur, von neuen, „klassennahen“ Leuten gemacht. 1931 trumpfte der Junglyriker mit dem Poem „Der Weg zum Sozialismus“ auf, einem Hohelied auf die „Kollektivierung“ – die Enteignung der Bauern und Erschaffung der Kolchosen.

Seine eigene Familie wurde als Kulaken (Großbauern) eingestuft, enteignet und – im selben Jahr 1931! – verbannt. Das schadete dem aufstrebenden Poeten nicht, das änderte auch nichts an seinem Glauben an die „neue Welt“. Die Familie ließ er wissen, sie solle keinen Kontakt mehr zu ihm aufnehmen. Sein Vater, der Dorfschmied, war so bestürzt, dass er ohne Erlaubnis den Verbannungsort verließ und nach Smolensk kam, um zu erfahren, was mit seinem Sohn geschehen war. Der Sohn informierte die zuständige Behörde.

Und weiter ging es bergauf mit Alexander Twardowski. Er siedelte nach Moskau über, studierte, publizierte viel, wurde gelobt und geschätzt, trat 1938 der KpdSU bei, diente als Kommissar in der Roten Armee. Nach dem Einmarsch der Hitler-Truppen in die UdSSR begann er für den „Frontgebrauch“ witzige, wohlklingende Gedichte über Wassili Tjorkin, einen einfachen Infanteristen, zu schreiben, die sehr bald einen wirklichen, nicht von oben aufgezwungenen Volksdichter und Soldatenliebling aus ihm machten.

Der Staat hatte nichts dagegen. In der Nachkriegszeit wurde Twardowski mit Preisen (drei Stalinpreise, ein Leninpreis, ein Nationalpreis) und Orden überhäuft, in die höheren Parteigremien berufen und galt als der Sowjetdichter Nr. 1. In der Meinung des Staates wie in der Meinung des Volkes – eine Übereinstimmung, die nicht oft vorkam. Was immer er anrührte, wurde zu einem Erfolg. Eine ziemlich muffige Zeitschrift mit Namen „Nowyj mir“, „Die Neue Welt“, mit deren Leitung er betraut wurde, machte er in der Zeit der chruschtschowschen Entstalinisierung zum Sprachrohr und zugleich zur Erzieherin der reformorientierten Intelligenzija.

Twardowski veröffentlichte Solschenizyns „Iwan Denissowitsch“ und schrieb selbst eine antistalinistische, satirische Fortsetzung seines berühmten „Tjorkin“. Und er öffnete die Zeitschrift für Autoren, die die „Kollektivierung“ als Gesamtverbrechen gegen die russischen Bauern an den Pranger stellten. All das brachte ihm Feinde im Schriftstellerverband und im Staatsapparat. Nach dem Fall Chruschtschows wurde auch Twardowski in den Ruhestand geschickt (Februar 1970). Vielleicht stand im Vertrag mit dem Teufel von 1931, seine Seele sei nur solange er die neue Welt baut vor der Hölle sicher? Aus der „Neuen Welt“ hinausgeworfen, musste er sich dem Feind ausgeliefert sehen. Seit Jahrzehnten alkoholkrank und neuerdings gelangweilt, unglücklich und verbittert, zog er sich auf seine Datscha in Krasnaja Pachra zurück und starb nach gut zwei Jahren. Aber wegen „Tjorkin“ und einiger anderer großer Gedichte will ich glauben: Im letzten Moment kriegte auch der neue Pan Twardowski die Kurve. Nur: An wen richtete er sein letztes Lied: an die Mutter Gottes oder an seinen Vater, den Dorfschmied? Wir werden es wohl nie erfahren.

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