Jurjews KLASSIKER : Die Legende der Legende

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Oh diese weißen Nächte von Petersburg, / sie sind wie der Glanz der weißen Felder in meinem Gedächtnis./ Mitternachts gehen die Brücken auseinander, wie Türen aus Stein, die zum Himmel führen, oder aus der Hölle (...) Aber wer herein kam und wer hinaus, wusste ich damals noch nicht, / auch heute ähnelt mein Gedächtnis einer weißen Nacht, / denn man raubte mir meine Helena, / und mein Troja ist zu Asche geworden.

So soll sich die „Legende von Nowgorod“ anhören, das erste Poem des 1887 im Schweizer Kanton Neuenburg, in La Chaux-de-Fonds als Frédéric-Louis Sauser geborenen und im Januar 1961 in Paris als Blaise Cendrars gestorbenen Dichters, Romanciers und Filmemachers. Cendrars, selbst eine Legende, ist viel in Asien, Afrika und Amerika gereist, gehörte zur Pariser Avantgarde der 1910er Jahre, kämpfte freiwillig im ErstenWeltkrieg für Frankreich und verlor dabei einen Arm. Sollte das Büchlein, das 1995 bei einem Antiquar in Sofia auftauche, tatsächlich die russische Übersetzung seines verschollenen Erstlings sein?

Frédéric-Louis Sauser, der 16-jährig von zu Hause abgehauen war, schlug sich in Petersburg als Gehilfe eines Juweliers durch, ausgerechnet zur Zeit der ersten russischen Revolution von 1905/07, in die er verwickelt wurde. Sogar verhaftet, weil er von einer Revolutionärin in ein observiertes Vororthaus mitgeschleppt worden war. Danach musste er Russland verlassen. Wieder in der Schweiz, erreichte ihn die Nachricht vom Tod seiner ersten Liebe, die bei einem nächtlichen Unfall mit Öllampe in ihrem Bett bei lebendigem Leibe verbrannte.

Das Mädchen hieß Jelena: Man raubte mir meine Helena, und mein Troja ist zu Asche geworden. Daher der Künstlername Cendrars, der Aschene. Erschüttert schrieb er sein erstes Poem, die „Legende von Nowgorod“. Nach seinen widersprüchlichen Angaben – er war ein großer Erzähler vor dem Herrn – wird das Manuskript seinem väterlichen Freund, dem Bibliothekar der Kaiserlichen Öffentlichen Bibliothek (der berühmten Publitschnaja Biblioteka), nach Sankt Petersburg geschickt – dem Menschen, der den Schweizerbuben zum Schreiben der Gedichte verleitet hatte, unter anderem dadurch, dass er ihm eine uralte Ausgabe von François Villon zum Lesen gegeben hatte. Der Bibliothekar übersetzte das Poem ins Russische und publizierte seine Übersetzung in einer Auflage von 14 Exemplaren. Kurz darauf starb er, die 14 Bücher und das Originalmanuskript sind verschwunden.

Das in Sofia gefundene Buch ging für angeblich 50 000 US-Dollar an einen anonymen Sammler, der französische Text wurde in mühsamer Arbeit von einer Gruppe von Enthusiasten „wiederhergestellt“ und, zusammen mit der russischen Fassung, veröffentlicht. Danach begannen sich Zweifel auszubreiten, die bis heute anhalten. Genauer gesagt sind die meisten fest davon überzeugt, dass die „Legende von Nowgorod“ ein Fake ist, spätestens seit „Le Figaro littéraire“ diesem Standpunkt vor drei Jahren ein ausführliches Dossier widmete. Ich meinerseits kann nur anmerken: Die „russische Übersetzung“ hätte nie und nimmer Anfang des 20. Jahrhunderts entstehen können – schon aus rein verstechnischen Gründen. Es ist aber ein gar kein so schlechter poetischer Text, selbst wenn er vom Ende des 20. Jahrhundert stammt.

Wer könnte der Fälscher sein? „Le Figaro littéraire“ verdächtigte den Finder, den bulgarischen Lyriker Kiril Kadijski. Dieser verteidigte sich mit allen Mitteln und argumentierte, dass er der russischen Sprache nicht mächtig genug sei, um den komplizierten russischen Text der „Legende“ zu verfassen, und dass die Beschuldigung Teil einer Kampagne zur Diskreditierung Bulgariens sei. So oder so bin ich geneigt, dem unbekannten Dichter dankbar zu sein: Dieser talentiert arrangierte Skandal machte den berühmten Abenteurer Blaise Cendrars in all seiner Widersprüchlichkeit wieder gegenwärtig – in Russland, wo seine Poesie begann, und in Frankreich, wo sie endete.

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