Jurjews KLASSIKER : Die Sehnsucht der Synkopen

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Es war die Zeit des ,Bubikopfes’, es war die Zeit des ,kurzen Rockes’, der ,fleischfarbenen Strümpfe’, es war die Zeit der fortgelaufenen Söhne und entführten Töchter, (...) kurz, das wahre Programm der Zeit hieß: JAZZ“ – so beginnt der Roman „Jazz“ aus dem Jahr 1927. Das heißt: Sein Autor Hans Janowitz stellt sich vor, dass ein Chronist im Jahre 1999 über die Ära des Jazz genau so schreiben müsste. Wahrscheinlich lag der 1890 im böhmischen Podiebrad in einer großbürgerlichen jüdischen Familie geborene Janowitz mit dieser in die Zukunft projizierten Erinnerung nicht falsch: So ähnlich schreibt man heute noch, wenn man das Selbstbild der Epoche übernimmt.

Der vor dem Ersten Weltkrieg im deutsch-jüdischen Prager Dichterkreis verkehrende Janowitz wurde nach dem Krieg in Berlin zusammen mit Carl Mayer als Co–Autor von Robert Wienes Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) schnell berühmt, musste aber schon 1923 in die böhmische Provinz zurück, um die Leitung der familieneigenen Pflanzenölfabrik zu übernehmen. Trotz des zwischenzeitlichen Achtungserfolgs mit „Jazz“ verlor er so den Anschluss an die Literaturszene. Später ging er in die USA und machte eine Parfümeriefirma auf. 1954 starb Hans Janowitz vergessen in New York.

Nun versucht der Bonner Weidle Verlag, „Jazz“ zum zweiten Mal unter die Leute zu bringen (144 Seiten, 23 €). Erstmals wurde das schön gestaltete und um eine CD mit Jazz aus den Jahren 1925 bis 1930 erweiterte Bändchen 1999 publiziert, im Jahr des imaginären Chronisten. Es rief viel Interesse hervor, setzte sich aber nicht durch – das Schicksal vieler Emigrantenbücher in Deutschland.

„Jazz“ ist in einem wunderbaren „Weimarer Deutsch“ geschrieben, mit dessen ganzer vorher nie dagewesener und nachher nie wieder erreichter Leichtigkeit. Doch dem Gros der Bevölkerung waren diese moderne Leichtigkeit und Ironie verhasst. Es waren ihre entführten Töchter und fortgelaufenen Söhne, von denen hier die Rede war. Man wollte keine „neue Epoche“, sondern zurück ins 19. Jahrhundert, in die wilhelminische Idylle einer Großnation. Diese Rückkehr boten die Nationalsozialisten an.

Janowitz versuchte, eine „synkopische Struktur“ zu schaffen und Brechungen vorzunehmen – in den Schicksalen seiner Helden und der Ordnung des Erzählens. Sein Roman reflektiert sich ständig, erklärt seine Konstruktion, bezieht sich auf sich selbst. Der Hauptheld, der zu einem Pariser Jazzmusiker mutierte englische Lord Henry, beantwortet die Frage über die Entstehung seiner Band etwa so: „Wenn Sie noch mehr wissen wollen, Mr. Hennings, wie Lord Punch's Jazzband zusammengekommen ist, dann lesen Sie die Geschichte in dem Jazz-Roman von Hans Janowitz nach, Mr. Hennings, im fünften Kapitel, wenn ich nicht irre.“ Das ist kein verfrühter Postmodernismus, das ist eine „Text-Synkope“.

Die Geschichte der fünf Musiker, wie der Autor sie nennt, obwohl das eher die Geschichte eines jungen Lords, einer exzentrischen Lady und deren exzentrischen Mannes, eines mystizistischen und kranken russischen Malers ist, ist einerseits gelungen: Selten ist zu beobachten, wie solch kunstvolle Brechungen ein derart reich facettiertes Juwel ergeben.

Andererseits können all die erzähltechnischen Errungenschaften von Hans Janowitz nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Personen und Konflikte von „Jazz“ die eines snobistischen englischen Romans oder Lustspiels aus der Vorkriegszeit in der Art von Oscar Wilde bleiben. Bei aller gefühlten Modernitätsbejahung sehnte sich auch die Kultur der Zwischenkriegszeit nach Idyllik. Den durch den Ersten Weltkrieg veränderten Menschen, wollte oder konnte sie nicht wahrnehmen. Dieser Mensch kam zwar gelegentlich zu Wort – etwa bei Céline. Als der Zwischenkriegsmensch jedoch von Worten zu Taten überging, verloren der Bubikopf, die fleischfarbenen Strümpfe und auch der Jazz jede Bedeutung.

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