Jurjews KLASSIKER : Ein Pferd namens Bolivar

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Ich weiß nicht, wie es in Deutschland war, aber bei uns in der Sowjetunion gab es eine Art quasi eingebürgerter ausländischer Autoren. Man vergaß, auch dank großartiger Übersetzungen, dass Alexandre Dumas (Père) Franzose war, Jerome K. Jerome Engländer, Jaroslav Hašek Tscheche und O. Henry Amerikaner: Er stammte aus North Carolina. Für ein russisches Kind (und die Art der erwähnten Bücher – Abenteuerliches, Fantastisches und Humoristisches – deutet auf Lektüre für Heranwachsende hin) waren sie alle „die Unsrigen“.

So auch für mich, als ich endlich Zugang zum geheimnisvollen Bücherschrank meiner Mutter bekam. Der stand zunächst in der unheimlichen Wohnung ihrer verstorbenen Schwiegereltern, meinen unbekannten Großeltern also, die noch durch die Gänge geisterten. Der Weg zum Schrank war beschwerlich, doch dann kam der Schrank zu mir, in unsere neue Wohnung am Newskij Prospekt, und irgendwann nahm ich die zwei tiefblauen Bände heraus, auf denen in Gold stand: O. HENRY.

Anfangs meinte ich, einen Iren namens O’ Henry vor mir zu haben. Erst später erfuhr ich, dass der Mann in Wahrheit William Sydney Porter (1862–1910) hieß, 1899 im Gefängnis von Ohio an einem Kurzgeschichtenwettbewerb teilnehmen wollte und ein Pseudonym brauchte. Hinter ihm lagen bereits zahlreiche Reisen und Jobs, Cowboy, Apothekergehilfe und Bankangestellter eingeschlossen. Als solcher war er der Unterschlagung bezichtigt worden und nach Südamerika geflohen. Zurück in die USA kam er, als er von einer schweren Erkrankung seiner Frau erfuhr.

Drei Jahre saß er in Ohio ein, schrieb und wurde nach seiner Entlassung 1901 zu einem der beliebtesten Autoren Amerikas. (Den Wettbewerb gewann er übrigens auch.) Seine Shortstorys sind immer erkennbar: mit einem Twist am Ende, der noch unvorhersehbar ist, wenn man die Geschichte zum 21. Mal liest. Und viele seiner Sätze wie „Bolivar kann nicht zwei tragen“ sind berühmt, wenn nicht sprichwörtlich geworden, zumindest in Russland.

Aber noch bevor ich mir den Inhalt des besagten Schrankes in einem gigantischen Atemzug zuführte, kannte ich diesen Bolivar aus „The Roads We Take“. Ich wusste sogar, dass der Name zu einem Pferd gehörte. Zwei Freunde fliehen, das Pferd des einen kann nicht mehr, und als er mit auf das zweite Pferd, eben Bolivar, steigen will, bekommt er von seinem Freund diese kalten Worte zu hören: „Bolivar cannot carry double.“

Im Weiteren wurde das auf das Geschäftsleben übertragen – überall ist das Leben so, in der Prärie und im Bankenviertel von New York, wollte der Autor seinen Lesern vor Augen führen. Egal! Diesen Bolivar kannte ich als eine Art Scherzsprichwort. Und noch früher, bevor ich angefangen hatte, die Scherze der Erwachsenen verstehen zu wollen, las ich in dem Buch, das so etwas wie die Grundlage der gesamten privaten Tauwetterzivilisation der 60er Jahre war, in den „Zwölf Stühlen“ von Ilja Ilf und Evgenij Petrow, wie der Hauptheld, der sympathische und allseits beliebte Schurke Ostap Bender, einen Andy Tacker erwähnt. Wer dies war, wusste ich nicht, bis ich den O. -Henry-Zyklus über Jeff Peters und Andy Tacker gelesen hatte, zwei „edle Schurken“, die durch Amerika ziehen und dem Kleinbürger Kleingeld abtricksen. Nichts anderes tut auch Ostap Bender, zu dessen Ehren heute in vielen russischen Städten Denkmäler aufgestellt sind. Somit wurde O.Henry zu einem der Urmitbegründer der Sowjetzivilisation.

Leider konnte er die hohen Honorare, den Lebensstil eines Dandys und seinen Ruhm nicht lange genießen. 1910 starb er in New York. Neun Jahre später stiftet man den O. Henry Award für die beste englischsprachige Geschichte. Und obwohl er noch immer existiert, dieses Jahr haben ihn Alice Munro und Yiyun Li erhalten, hat mir eine englische Internetseite bestätigt, was ich schon immer vermutet hatte: „O. Henry like Jack London is immensely more popular in Russia then in his native country.“ Über Deutschland, wo er am ehesten in einer vergriffenen Übersetzung von Annemarie und Heinrich Böll zu haben ist, reden wir an dieser Stelle erst gar nicht.

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