Jurjews KLASSIKER : Ein Raskolnikoff ohne Beil

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Kaum ein anderer vergessener Schriftsteller wurde im deutschen Sprachraum so gründlich entdeckt wie Emmanuel Bove (1898 –1945). Einer der prominentesten Prosadichter deutscher Zunge, Peter Handke, nahm sich seiner an und übertrug 1981 Boves ersten Roman „Meine Freunde“. Jenes Werk machte Emmanuel Bobovnikoff 1924 schlagartig berühmt, den Sohn eines Dienstmädchens aus Luxenburg und eines Pariser Lebemanns aus Kiew, eines Vergnügungsjägers und Geldvernichters, wie es sie nur um die vorletzte Jahrhundertwende herum und besonders in Osteuropa gab.

Obwohl Emmanuel Bove sehr fleißig schrieb, gute Honorare erhielt und 1928 den Prix Figuière, den höchstdotierten Literaturpreis Frankreichs, verliehen bekam, mangelte es ihm immer an Geld. Wahrscheinlich hatte er von seinem russisch-jüdischen Vater dessen Gabe geerbt, das Geld abzuschrecken. Gerechtigkeitshalber muss man sagen: Neben neuen Autos und seidenen Hemden musste er erhebliche Unterhaltszahlungen für seine erste Frau leisten und auch seinen Bruder unterstützen.

Im Frankreich der zwanziger und dreißiger Jahre sah man in Bove einen Entdecker: Er bringe die Stimme des Außenseiters in die französische Literatur – des armen, des dummen, des zu Aufstieg und Kampf unfähigen Außenseiters Man meinte, solche Stimmen hätte es im 19. Jahrhundert in der russischen Literatur viele gegeben, nicht aber in der französischen. Und dann sei dieser Halbrusse gekommen. Aus heutiger Sicht machte jedoch nicht der Held die Neuartigkeit von Boves Werk aus, sondern die Welt, in der er lebte: eine Gesellschaft mit den bürgerlichen Formen des 19. Jahrhunderts, die aber, durch den Ersten Weltkrieg in ihren Grundfesten erschüttert, keine Zusammenhänge mehr kennt. Hier haben Worte, Gesten, Taten keine bestimmte Bedeutung mehr. So muss „der Außenseiter“ aufs Geratewohl leben. Nicht Boves Held ist dumm, sondern die Welt um ihn herum regellos. Außerdem fehle den Dingen und Worten nicht nur ihre Bedeutung, sondern der Sinn – das wäre der Schritt zum Absurden.

Den aber machten andere französische Dichter mit „ausländischem Hintergrund“ wie Beckett und Ionesco, nicht Bove, der 1945 nach seiner Rückkehr aus algerischer Emigration starb.

Doch, einen halben Schritt hat er wahrscheinlich gemacht. In der Erzählung „Un Raskolnikoff“ (1931) versucht Emmanuel Bove das Konzept der Schuld in sein orientierungsloses Universum einzubringen. Changarnier, ein typischer Bovescher Nichtsnutz, und dessen Freundin, herzensgut, anhänglich, ein wenig dumm, gehen aus ihrer Pension in die Stadt, einfach so, ohne Ziel. Ein älterer Penner gesellt sich trotz Changarniers Widerstand zu ihnen und erzählt, wie er seine untreue Frau umgebracht habe, jedoch der Bestrafung habe entgehen können. Und jetzt leide er unter seiner nicht abgegoltenen Schuld. So kommt Changarnier die Idee der Schuld in den Sinn, die seiner Existenz eine Bedeutung geben kann: Er behauptet, einen Mord begangen zu haben, und will sich stellen. Die Polizei kommt ihm aber zuvor: Sie nimmt ihn fest und beschuldigt ihn eines in der Gegend begangenen Mordes. Ein Kommissar versucht, ein Geständnis zu erzwingen, obwohl er an seine Schuld nicht recht glaubt. Und tatsächlich: Eine Zeugin entlastet Changarnier, der aber die Situation ganz anders sieht. Seine Schuld ist verziehen.

Wir sehen, dass hier Dostojewskis Problematik der menschlichen Selbstüberschätzung, der Unfähigkeit des Menschen, sich über Gott und Moral zu stellen, durch die der menschlichen Orientierungslosigkeit ersetzt wird. Einer falschen Schuld, einer Schuld ohne Verbrechen, wird eine falsche Bedeutung gegeben. Statt zum Sinn führt sie den Protagonisten in den Irrsinn. Oder ins Absurde.

Diese unter dem Titel „Schuld“ nun erstmals ins Deutsche übersetzte, vom Lilienfeld Verlag vorzüglich verlegte und liebevoll gestaltete Novelle ist sehr wichtig für die Entwicklung der europäischen Prosa von der „Bedeutungslosigkeit“ der zwanziger und dreißiger Jahre zur „Sinnlosigkeit“ der vierziger und fünfziger Jahre. Schön, dass es sie endlich gibt.

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