Jurjews KLASSIKER : Geheimnis ohne Aufklärung

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Selbst die Bibel ist witzig“, notierte einmal Johann Peter Hebel, der gelehrte Theologe, Kenner der Altsprachen und des Hebräischen und – am Ende seiner Laufbahn – höchstgestellte Geistliche des Großherzogtums Baden. Nicht zu vergessen: der alemannische Dichter und der rheinische Hausfreund. Selbst die Bibel ist witzig, muss ein Volkskalender das nicht sowieso sein? Aus dem einfachen Witz der Kalendergeschichten, Rechenaufgaben inklusive, wurde eine beinahe absurde Poetik geboren, die damals freilich niemandem absurd vorkam, weil es noch keinen Begriff dafür gab.

Der am 10. Mai vor 250 Jahren in Basel geborene Bauernsohn (seine Eltern arbeiteten im Sommer als Bedienstete eines Basler Patriziers, im Winter kehrten sie nach Wiesental zurück), der mithilfe von Gönnern hohe Bildung bekam, wird von den Zeitgenossen als skeptischer, arbeitsamer Mensch und loyaler Beamter seines Großherzogs beschrieben, als etwas kindlich und unbeholfen. In seinen Briefen sieht er etwas bemüht scherzhaft und von Zeit zu Zeit hypochondrisch aus. Ein Bildungskleinbürger der sympathischen Art, der aber aus unbekanntem Grund wunderschön schreiben konnte.

Seine „Alemannischen Gedichte“ (1803), die einen Karlsruher Lehrer zu einem gefeierten Volksdichter machten, sind gute Gedichte in einem ausdrucksstarken Dialekt. Die lyrische Muse kann jeden küssen, sogar einen untertänigen Pastor, das ist bekannt. Aber wie aus allerlei Kalender-Plattitüden so eine Prosa entsteht? Viele Hebelliebhaber, von Goethe und Jean Paul bis zu Kafka und Canetti, sowie zahlreiche Forscher haben das zu ergründen versucht, aber niemand konnte zufriedenstellend erklären, warum manche dieser Kalendergeschichten mit einfachem Humor und biederer Moral eine solche Liebe auf sich ziehen.

Der badische Bauernkalender, dessen Gewinne an das Karlsruher „Gymnasium illustre“ gingen, wo Hebel Dienst tat, wurde ihm 1807 aufgebürdet, nachdem er zu schlaue Verbesserungsvorschläge gemacht hatte. 1811 erschien erstmals die Auswahl der besten Beiträge unter dem Namen „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“; 1817 und 1826 wurde sie wiederaufgelegt. Meine Lieblingsgeschichten daraus sind nicht die berühmten „Unverhofftes Wiedersehen“ und „Kannitverstan“ mit ihrer „unfreiwilligen Tiefe“, was bei Hebel fast ein Prinzip ist: Der Erzählrhythmus, die Anfälle der unergründlichen Ironie widerlegen zwar nicht die einfache Belehrung (Das Irdische ist vergänglich usw., was der damalige Leser an jeder Ecke serviert bekam), zeigen sie jedoch in einem seltsamen, nicht direkt dechiffrierbaren Licht.

Am innigsten liebe ich den Doktor aus „Zwey Gehülfen des Hausfreundes“. Denn als er aus der großen Stadt Madrid heraus ritt, seinem Thierlein wuchsen in dem warmen Land, und bey der üppigen Nahrung die Haare so kräftig, daß er nach Landesart zwey Barbiere mit nehmen mußte, die auch ritten, und wenn sie Abends in die Herberge kamen, so rasirten sie sein Thierlein. Weil sie aber selber keine gemeine Leute waren, und die ganze Nacht Arbeit genug hatten, bis das Thierlein eingeseift, und rasirt, und wieder mit Lavendelöhl eingerieben war, so nahm jeder wieder für sein eigenes Thierlein zwey Barbiere mit, die ebenfalls ritten, und diese wieder... Und der Doktor sah mit Verwunderung und Schrecken vom pyrenäischen Berg, wie noch immer neue Barbiere zum Stadtthor von Madrid herausritten.

Und noch den Henker aus „Heimliche Enthauptung“, der in bester romantischer Manier von geheimnisvollen Gestalten engagiert wird, eine Enthauptung durchzuführen, sie mit dem in Hebels Welt selbstverständlichen Antiheroismus ausführt, seinen Lohn bekommt, nach Hause zurückkommt und: nein, es hat niemand erfahren, wer sie war und was sie gesündigt hat, und niemand weiß das Grab. Ist diese Weigerung des Aufklärers Hebel, das Geheimnis aufzuklären, nicht entzückend? Das ganze „Schatzkästlein“ ist so: ein unaufgeklärtes Geheimnis ohne Aufklärung. Ist das naiv? Selbst die Bibel ist doch so – naiv und ein unaufgeklärtes Geheimnis.

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