Jurjews KLASSIKER : In Erwartung der Barbaren

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Es ist eines der berühmtesten Gedichte des 20. Jahrhunderts, unzählige Male in zahllose Sprachen übersetzt, immer wieder analysiert und in literarischen Titeln aufgegriffen. Konstantinos Kavafis’ „Warten auf die Barbaren“ suggeriert indes nicht, dass die Schreckgestalten seines Titels nur eine erfundene Gefahr seien, wie oft irrtümlich angenommen. Was soll das Gedränge am Forum? / Die Barbaren werden heute erwartet, beginnt es in der deutschen Übersetzung von Olga Martynova. Warum beschließen die Senatoren keine Gesetze? / Wozu denn? Die Barbaren werden ihre Gesetze erlassen. // Was hat der Kaiser so feierlich in der Frühe auf seinem Thron zu suchen? / Oh, er erwartet den Führer der Barbaren, um ihn mit Titeln zu ehren. Warum eilt das Volk verwirrt und erschrocken nach Hause? / Späher sind von den Grenzen zurückgekommen und sagten: / Es gibt weit und breit keine Barbaren. // Wie werden wir nun leben ohne die Barbaren? / In der Tat. Sie waren uns Erklärung, Hoffnung und Rechtfertigung.

Das Gedicht, 1904 im unter britischer Herrschaft stehenden ägyptischen Alexandria auf Neugriechisch geschrieben, beschwört eine Gesellschaft, die bereit und willig ist, zu kapitulieren, egal vor wem, die keine Verantwortung für sich selbst mehr tragen kann. Eben deshalb wurde dieses Gedicht, das gewissermaßen vom Rand der zivilisierten Welt kam, so bedeutend: Die selbst ernannte zivilisierte Welt fühlte sich nach dem Ersten Weltkrieg jahrzehntelang im Zustand fortwährender Kapitulation: Nur die potenziellen Kapitulationsabnehmer wechselten; Hitler, Stalin, Osama bin Laden ...

Ob das Bild aus der byzantinischen Geschichte (die Griechen beweinen bis heute den Fall Konstantinopels) oder gar aus der weströmischen stammte (die Byzantiner hielten sich für die rechtmäßigen Erben des Römischen Reiches, und rein rechtlich gesehen waren sie „die Römer“, wie sie sich auf Griechisch nannten), ist unmaßgeblich: Dies ist kein rückwärts gewandtes Gedicht, es sieht ins Jetzt und nach vorne – mit Bitterkeit, Ironie und Wut.

Konstantinos Kavafis wurde am 29. April 1863 in Alexandria geboren, vor 150 Jahren also. Gestorben ist er am selben Tag und am selben Ort im Jahre 1933. Die Familie war reich, handelte mit Baumwolle, seine Kindheit verbrachte Kavafis in England, ging dort zur Schule; seine ersten Gedichte waren auf Englisch geschrieben. Nach dem Firmenbankrott kehrten die Kavafis zurück und Konstantinos begann seine kaufmännische Lehre in Alexandria. Uninteressante Brotjobs, arabische Revolten, der Weltkrieg, ein paar Reisen nach London, Paris und Athen, ansonsten alexandrinische Kaffeehäuser, Veröffentlichungen in kleinen Zeitschriften und – Übersetzungen ins Englische.

Kavafis’ Ruhm im Westen hatte einen Vater. E. M. Forster (1879–1971) war englischer Schriftsteller und während des Ersten Weltkriegs Rotes-Kreuz-Mitarbeiter in Alexandria. Er verliebte sich in die Kavafis-Gedichte (und wahrscheinlich auch in deren Verfasser). Zurück in England begann Forster einen unermüdlichen Kampf für die Verbreitung dieser Gedichte: erzählte von ihnen, schrieb über sie, drängte den Übersetzer, schneller zu übersetzen, drängte die Zeitschriftenherausgeber (darunter T.S. Eliot), die Übersetzungen zu veröffentlichen, handelte für Kavafis kleine Honorare aus und schickte sie nach Alexandria.

Konstantinos Kavafis, der in Alexandria einen Kreis von Verehrern hatte, wurde in Athen jedoch nicht hoch gehandelt. Die Mode in der griechischen Poesie war die Spätromantik, deren Pathos sich mit Kavafis’ Ironie und Verzweiflung schlecht vertrugen. Dafür wurde er in England, dem Land seiner Kindheit allmählich zum Großdichter und international einer der wichtigsten Vertreter der europäischen Moderne. Schade nur, dass nicht jeder große Dichter aus den Regionen, die wir als den Rand der zivilisierten Welt betrachten, seinen eigenen E. M. Forster zugewiesen bekommt.

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