Jurjews KLASSIKER : Ist ja alles so ruhig hier

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Eine interessante Übung in Sachen Unvoreingenommenheit unternahm 1947 der amerikanische Literaturnobelpreisträger John Steinbeck (1902 – 1968): Bei seiner Reise in die UdSSR versuchte er, sich von keinerlei alten und neuen, im gerade begonnenen Kalten Krieg entstandenen Klischees über Russland in die Irre führen zu lassen. Nur schreiben, was man selbst gesehen hat, das war sein Programm.

So, im Vertrauen auf seine Fähigkeit, das wahre Leben vom inszenierten unterscheiden zu können, begab er sich zusammen mit dem Fotografen Robert Capa (1913–1954) im Auftrag der „New York Herald Tribune“ nach Russland. Das Ergebnis, „A Russian Journal“, das unter dem Titel „Russische Reise“ gerade erstmals auf Deutsch erschienen ist (aus dem Englischen von Susann Urban, Edition Büchergilde, Frankfurt a. M., 297 Seiten, 17,90 €), ist das faszinierende Zeugnis dieses Unternehmens.

„Gemeinsam beschlossen wir ein paar Dinge“, schreibt Steinbeck. „Wir wollten nicht allzu hochnäsig sein, und wir wollten versuchen, weder ablehnend noch wohlwollend zu sein. Wir würden versuchen, eine ehrliche Reportage zu machen, ohne Kommentar festzuhalten, was wir sahen und hörten.“ Unter diesen Prämissen ist ein fast ideales Reisebuch entstanden – witzig, herzlich, voller spitzer Alltagsbeobachtungen.

Doch als jemand, der in diesem Land geboren und aufgewachsen ist und sich den Zustand der UdSSR nach dem Krieg lebhaft vorstellen kann, sehe ich in diesem Buch einen klaren, literarisch und menschlich authentischen und deshalb überzeugenden Beleg für eine traurige Tatsache: Andere Länder durch Reisen zu verstehen, ist unmöglich. Sogar für große Dichter.

Steinbeck zeigt, eben weil er sämtlichen ihm bewussten Klischees konsequent aus dem Weg gegangen ist: Die ehrlichsten Travelogues schaffen kein besseres „Verständnis“ anderer Kulturen, sondern im besten Falle neue Mythen. Dadurch bereichern sie die eigene Kultur mit Bildern und Ideen: seien es die hundsköpfigen Menschen aus den europäischen Reisebüchern des 17. und 18. Jahrhunderts, die in Sibirien an der chinesischen Grenze leben sollten, sei es Steinbecks „Wahrheit über das Alltagsleben in Stalinrussland“.

Steinbeck kann den wirklichen Alltag der Russen von der Inszenierung der „Tourismusbehörde“ und der Selbstinszenierung der gastfreundlichen Menschen, die in den Augen des ausländischen Gastes schöner und würdiger aussehen wollen, nicht wirklich unterscheiden, obwohl er es ständig versucht. Er glaubt an seinen praktischen Verstand. Dieses Buch zeugt davon, dass ein solcher common sense nicht hilft, wenn es um fremde Länder und Kulturen geht – vielleicht nicht einmal beim Verständnis des eigenen Landes und der eigenen Kultur.

Die Sowjetunion, ein Land, das im Krieg rund 20 Millionen Menschen und seine ganze Wirtschaft verloren hatte und unter einer der härtesten Diktaturen der Geschichte lebte, ein Land, in dem Glück und Hoffnungen eines gewonnenen Krieges zu Hause waren, aber eben auch Verbitterung, Angst, Kriminalität, Brutalität und Mangel an allem, dieses Land zeigt Steinbeck als eine Gesellschaft sauberer, disziplinierter, netter Menschen, die so ordentlich sind und so besessen an der Wiederherstellung ihrer Heimat arbeiten, dass er und Robert Capa von Zeit zu Zeit geradezu Sehnsucht nach dem Sündenbabel New York verspüren.

Man kann nicht sagen, dass dieses Bild gänzlich inszeniert wäre oder hundertprozentig falsch (natürlich wird gearbeitet!), aber es ist weit von der schmutzigen, chaotischen sowjetischen Realität entfernt. Mehr „Wahrheit über das Alltagsleben in Stalinrussland“ zeigen Capas Fotos, die auch zu bewundern sind. Es ist bitter für uns Literaten, aber wahr: Bilder sagen im Zweifelsfall mehr aus als Worte.

Und dennoch muss man dieses Buch lesen. Wegen seiner guten Prosa, wegen der schönen und traurigen Bilder, wegen der Erkenntnis der Unmöglichkeit, miteinander zu sprechen. Und wegen der Unumgänglichkeit solcher Versuche. Denn ohne sie würden die Menschen sich zwar nicht besser verstehen, aber viel weniger mögen.

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