Jurjews KLASSIKER : Wer jemals mit dem Messer Erbsen aß

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Kolumnen sind schnelllebig, sie haben keine Hoffnung auf Zukunft. Sogar diese hier, obwohl sie als Klassikerkolumne verständlicherweise etwas näher zur Ewigkeit hin platziert ist. Einem Kollegen aber ist es gelungen, aus seinen Kolumnen nicht nur ein Buch zu machen (was auch ich mir wünsche!), sondern ihr immerwährende Aktualität zu verschaffen. Ich meine William Makepeace Thackeray (1811–1863) mit seinem „Buch der Snobs“, das bei Manesse in diesem Jahr von Gisbert Haefs erstmals vollständig ins Deutsche übertragen worden ist (464 Seiten, 22,95 €).

Mehr als anderthalb Jahrhunderte sind vergangen, seitdem Thackeray seine 1846/47 im Londoner „Punch Magazine“, kurz vor seinem großen Roman „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ erschienenen Snob-Kolumnen in ein Buch verwandelte und damit eine wesentliche Bereicherung des europäischen, ja wahrscheinlich weltweiten Wortschatzes bewirkte. Seine Snobs sind immer unter uns, sie blühen und gedeihen, sie entwickeln sich weiter und verlangen nach neuen Klassifikationen. Warum? Dank der ungewöhnlich breiten Gegenstandsauffassung Thackerays, der aus einem satirischen Begriff ein poetisches Bild machte.

Der königliche Snob, die großen Citysnobs, die Militärsnobs, die geistlichen Snobs, die Landsnobs, die englischen Snobs im Ausland und so weiter: Thackeray wollte offensichtlich den Anschein erwecken, lediglich alle Snobsorten fein säuberlich zu katalogisieren und parodistisch-wissenschaftlich zu beschreiben: eine kleine satirische Snobologie. Man beginnt jedoch schnell nicht mehr zu verstehen, warum der eine oder andere Held zu den Snobs gezählt wird, wenn wir die ursprüngliche Bedeutung des Wortes bedenken: ein Prolet, der den Vornehmen nacheifert, oder ein Vornehmer, der, um herauszuragen, einen Proleten nachahmt. Die Fülle der thackerayschen Gestalten übertrifft diese schlichte Definition und jede konkret-satirische Zielsetzung bei weitem. Die klassifikatorische Grundlage der Snobwissenschaft steht auf tönernen Füßen.

Zum Beispiel Mr. Marrowfat, der mit dem Messer Erbsen aß. Eine Freundschaft wird aufgekündigt, die gefährliche Abenteuer überdauert hat, mit der Begründung, dass es Snobismus sei, die Gepflogenheiten, in diesem Fall die Tischmanieren der Mehrheit so zu missachten. Und der Leser versteht, dass der Snob nicht unbedingt derjenige ist, von dem erzählt wird, sondern derjenige, der erzählt. Irgendwann schlägt man nach und stellt fest, dass der vollständige Titel der „Punch“-Kolumne lautete: „The Snobs of England, By One of Themselves – Englands Snobs, beschrieben von einem von ihnen“. Ein genialer Einfall von Thackeray: Die ganze Welt besteht nur aus Snobs, was sogleich snobistisch rezipiert wird: in Form einer Rekursion, das heißt einer sich durch sich selbst definierenden Funktion, wie der gemeine Strukturalist sagen würde.

Thackeray legt das bereits im zweiten Kapitel offen, wenn er über die Könige spricht, die eigentlich gar keine Objekte für ihren Snobismus haben dürften: Von diesem oder jenem Gnädigen Herrscher zu sagen, er sei ein Snob, bedeutet nur, dass Seine Majestät ein Mensch ist.

So wird ein modisches Wörtchen ungewisser Herkunft (entweder vom lateinischen sine nobilitate oder französischen sans nobilité, was „unedler Abstammung“ heißen soll, oder, viel wahrscheinlicher, vom Schottischen snab – Schusterlehrling), das zunächst einfach Pöbel bedeutete, später sich zu Höherem berufen fühlender Pöbel, in einen Jahrhundertbegriff verwandelt, der so allumfassend ist, dass er sogar positive Konnotationen bekommt: Oscar Wilde war zum Beispiel ein Snob, wie er im Buche steht, und wir nehmen den Snobismus seiner Art eher als den Drang zur Schönheit und Individualität wahr, als einen „guten Snobismus“.

Wenn man die ganze mediale und politische Wirklichkeit von heute bedenkt, die im Grunde auf dem Interesse „einfacher Leute“ an der virtuellen Welt der Reichen und Berühmten, Schönen und Mächtigen gebaut ist, also auf purem Snobismus, muss man erkennen und anerkennen: Der alte William Makepeace schuf mit dem „Buch der Snobs“ eines der einflussreichsten Werke der Geschichte.

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