Jurjews KLASSIKER : Zeit der Menschenfresser

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Unter den Millionen angeblicher Trotzkisten, die in die Mühlen von Stalins Terrormaschine hineingerieten, gab es gewiss auch einige, die wirklich Trotzkisten waren. Zu diesen gehörte der als Viktor Kibaltschitsch 1890 in Brüssel geborene und 1947 in Mexiko gestorbene Schriftsteller Victor Serge. Sein bemerkenswerter Roman „Die große Ernüchterung. Der Fall Tulajew“, ursprünglich ein Jahr nach Serges Tod in Paris erschienen, liegt nun in der Büchergilde Gutenberg wieder in einer leicht überarbeiteten deutschen Übersetzung vor. Das Ganze ist ein in vielerlei Hinsicht gelungener Versuch, die Mechanismen des Terrors sichtbar zu machen. Warum es seinen Vater, einen Unteroffizier der Leibgarde s. M. des russischen Kaisers, in den Westen verschlagen hatte, ist unklar.

Noch als Heranwachsender war Serge in Belgien sozialistischen und später in Frankreich anarchistischen Organisationen beigetreten. Er wurde mit der anarchistischen Bonnot-Bande in Verbindung gebracht, die dreiste Raubüberfälle beging, auch vor Morden nicht zurückschreckte, und saß deshalb fünf Jahre lang im französischen Knast. Nach der Entlassung ging er nach Barcelona, wurde zurück in Paris als „unerwünschter Ausländer“ erneut verhaftet und schließlich gegen einen französischen Offizier ausgetauscht, der wiederum im revolutionären Petrograd in Haft genommen worden war. Hier, in der Heimat seiner Vorfahren, begann Serge eine Karriere in der bolschewistischen Partei und in der Komintern.

Mit heiklen Aufgaben wie der Vorbereitung eines Aufstandes in Deutschland 1923 betraut (und daran gescheitert), geriet Serge unter die Lupe des GPU-NKWD, zumal er zu Trotzkisten nicht nur politische, sondern auch persönliche Beziehungen pflegte: Er war mit der älteren Tochter des bekannten Petrograder Trotzkisten Russakow verheiratet. 1933 wurde er nach Orenburg verbannt. Dank Romain Rolland, den die Sowjetunion für Propagandazwecke einspannen wollte, wurde er 1936 aus der UdSSR ausgewiesen. Nur Belgien, sein Geburtsland, war bereit, ihn aufzunehmen, später lebte er wieder in Paris. Nach Kriegsausbruch konnte er sich nach Mexiko retten, wo er bis zu seinem Todesjahr als Literat lebte, unter anderem mit der Trotzki-Witwe Natalja Sedowa. Mit Trotzki selbst hatte er sich, nach der näheren Bekanntschaft mit der sogenannten IV. Internationale, überworfen.

„Der Fall Tulajew“ ist Serges letzter Roman. Er legt die Mechanismen der Schauprozesse offen und demonstriert Stalins „Verrat an der Revolution“: Ein Komsomolze erschießt zufällig das ZdK-Mitglied Tulajew und flieht. Anstatt ihn zu suchen, konstruiert der NKWD eine groß angelegte Verschwörung, in die auch linientreue Kommunisten hineingezogen werden. Der Roman ist gekonnt geschrieben und weder in der Schilderung der Täter noch der Opfer schlicht: Beide werden als lebendige Menschen mit Leichen im Keller gezeigt.

Das Problem ist nur: Serge interessiert sich für die Repressalien gegen Revolutionäre und ist nicht gewillt anzuerkennen, dass diese während des russischen Bürgerkriegs 1918–1921 und in den ersten Jahren der Sowjetrepublik, in denen sie noch die Macht hatten, selber Gräueltaten begangen hatten: Niederschlagung der Arbeiter- und Bauernaufstände, Erschießung von Hunderttausenden unliebsamer sozialer Abstammung. Stalin hatte natürlich mehr Menschen vernichtet, aber er hatte auch bedeutend mehr Zeit dafür gehabt.

Der Berufsrevoluzzer Viktor Serge weigerte sich anzuerkennen, dass jede Revolution am Ende ein Verbrechen gegen einfache Menschen ist. Warum sollte sein Roman heute gelesen werden, wenn man kein spezielles Interesse am Innenleben der mörderischen Partei hat, an den Menschenfressern und Menscherfresserfressern der russischen Revolution?

Weil daneben eine exzellente Schilderung des Lebens im Sowjetrussland der 30er Jahre bleibt – nicht nur des allgemeinen Elends, sondern speziell der Menschen, die in Elend, Lüge und Angst heranwachsen. Wer den „Fall Tulajew“ liest, beginnt, wirklich etwas von dieser Zeit zu begreifen.

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