Justin Doyles Debüt als RIAS-Kammerchor-Chef : Die singen, die Römer!

Ein ehrgeiziges Vorhaben: Justin Doyle debütiert als Chefdirigent mit „Theodora“ von Händel, einem Stück über die christliche Märtyrerin der römischen Kaiserzeit.

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Händel-Fan. Der Brite Justin Doyle tritt sein Amt im Herbst an.
Händel-Fan. Der Brite Justin Doyle tritt sein Amt im Herbst an.Foto: Matthias Heyde

Es ist wohl eines der ehrgeizigsten Neujahrskonzerte dieses Jahres, das Justin Doyle in der Philharmonie angeht: Statt auf bewährte effektvolle Silvesterkracher des Repertoires zurückzugreifen, hat sich der designierte Chefdirigent des RIAS-Kammerchors bei seinem Berlin-Debüt für ein vernachlässigtes Händel-Oratorium entschieden, das zu Lebzeiten des Komponisten beim Publikum durchfiel und obendrein mehr nachdenkliche als vordergründig freudenvolle Töne anschlägt.

Doch gerade darin liegt auch der Reiz des Unterfangens, denn in seiner 1749 uraufgeführten „Theodora“ erzählt Händel nicht nur die Geschichte einer bis zur Unglaubwürdigkeit tugendhaften christlichen Märtyrerin aus der römischen Kaiserzeit, sondern interessiert sich auch für Zeichen von Toleranz und Regungen des Mitgefühls unter den Römern für die unterdrückte Minderheit.

Große Erwartungen auf eine adäquat differenzierte musikalische Gestaltungen weckt Doyle bereits in der Ouvertüre, deren Spannung er durch eine vielfältige und doch völlig natürlich wirkende rhetorische Phrasierungskunst beständig aufrechterhält. Auch in sämtlichen folgenden Nummern wird die lebendige Feinzeichnungskunst, die ihm mit der Akademie für Alte Musik gelingt, ein Ereignis für sich bleiben.

Die Gestaltung der Titelpartie enttäuscht

Was den Chor betrifft, so überzeugt Doyle von Anfang an mit klarer Gestaltung und dem wunderbar freien, oft trompetenhaft mächtigen Klang, den er den Sängern entlockt. Doch den plastischen Ausdruck seines Orchesterdirigats erreicht er erst in den komplexen Strukturen von Händels Lieblingschor „He saw the lovely youth“. Eine Enttäuschung ist leider die Gestaltung der Titelpartie. Dies liegt nicht nur daran, dass die Sopranistin Fflur Wyn über der inneren Entrückung, mit der sie ihre Theodora ausstatten will, oft die eben doch auch von Angst und Entscheidungsdruck geprägte dramatische Situation vergisst. Sondern auch daran, dass Doyle bei solchen Stimmungsumschwüngen zu wenig auf schnelle Anschlüsse und deutliche Kontraste drängt.

Stark sind hingegen die übrigen Rollen besetzt. Theodoras Vertraute Irene wird von Anna Stéphany als von Mitgefühl durchglühte Beobachterin gezeichnet, Countertenor Tim Mead begeistert in der Rolle des Römers Didymus, der mit wunderbar ausgeglichener Stimme und einer psychologisch überzeugenden, gentlemanhaften Gefasstheit für und mit Theodora in den Tod geht.

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