Justin Timberlake : Der Entschleuniger

Grandios und völlig irre: Justin Timberlake erfindet sich mit seinem dritten Album "The 20/20 Experience" als Pop-Experimentator neu.

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Macht jetzt Erwachsenenmusik. Sänger Justin Timberlake, 32. Foto: Sony
Macht jetzt Erwachsenenmusik. Sänger Justin Timberlake, 32. Foto: Sony

Als Justin Timberlakes letzte Platte erschien, war Lady Gaga noch eine New Yorker Kleinkunstnudel, Rihanna galt als hoffnungsvolle R’n’B-Sängerin aus Barbados und ein präpubertärer Justin Bieber machte erste Gehversuche als Hobbymusiker. Fast sieben Jahre war Timberlake weg. Na gut, nicht wirklich weg: Er hat Gastauftritte absolviert, etwa bei Madonna oder dem Comebackversuch der Synthiepopper Duran Duran. Und er hat eine beachtliche Hollywoodkarriere hingelegt mit tragenden Rollen sowohl in Komödien als auch in ernsten Werken wie David Finchers „The Social Network“.

Aber er hat sich doch ziemlich rar gemacht für einen Musiker, der das Potenzial hatte, im 21. Jahrhundert noch mal ein globales Popstar-Narrativ zu generieren. Nach stressigen Jahren in der Kaderschmiede des Mickey Mouse Clubs und als Vorzeigeschönling der Boygroup ’N Sync gelang Justin Timberlake mit nur einem Album der Sprung ins Solo-Großverdienerfach. Er hätte, wenn er seine Karten clever ausgespielt hätte, wohl tatsächlich ein Nachfolger für Michael Jackson werden können, den er in der Frühphase seiner Solokarriere ungeniert kopierte. Aber warum ein kleineres Vorbild wählen, wenn man den typischen Jacko-Schmelz in der Stimme hat und die Tanzmoves des Meisters mühelos hinbekommt? Zumal der ehemalige King of Pop damals, also 2002, bereits in den Seilen hing.

"The 20/20-Experience" - On Tour mit Justin Timberlake
Justin Timberlake während der "The 20/20 Experience"-Tour, die seit November 2013 läuft. Am 6. Juni kommt er nochmal nach Berlin. Foto: Marius Becker/dpaWeitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Marius Becker/dpa
14.03.2013 17:35Justin Timberlake während der "The 20/20 Experience"-Tour, die seit November 2013 läuft. Am 6. Juni kommt er nochmal nach Berlin.

Waren schon die vier Jahre Pause zwischen Timberlakes Debüt „Justified“ und dem Nachfolger „FutureSex/LoveSounds“ ein kommerzielles Risiko, so sind sieben Jahre Schweigen reines Karrieregift. So was kann sich vielleicht eine Songwriter-Sphinx wie Bob Dylan erlauben, aber kein Mainstream-Superstar mit wankelmütiger Anhängerschaft. Da nichts darauf hindeutet, dass Timberlake unter einer kreativen Blockade gelitten hat, muss man die Auszeit wohl als Teil einer Strategie verstehen: Hier hat einer alles auf null gestellt. Hat die Erwartungshaltungen ins Leere laufen lassen, hat die Gagas, Rihannas, Biebers machen lassen. Hat die Trends von Eurotrash-Revival bis Dubstep an sich vorbeiziehen lassen. Wenn am heutigen Freitag das dritte Album erscheint, wird man Jüngeren noch mal erklären müssen, wer denn dieser Justin Timberlake überhaupt war.

Oder man versucht es erst gar nicht, denn „The 20/20 Experience“ richtet sich kaum an ein minderjähriges Publikum: Dies ist Erwachsenenmusik. Schon das Format beweist, dass hier einer die üblichen Verwertungsmechanismen lässig ignoriert. Auf der Platte befinden sich nur zehn Songs, aber die sind im Durchschnitt sieben Minuten lang, mithin für den Einsatz im Formatradio ungeeignet. Der Opener „Pusher Love Girl“ macht acht Minuten lang deutlich, dass der alte Disco-Imperator abgedankt hat. Aus einem hollywoodreifen Streicherintro schält sich ein hypnotischer Zeitlupengroove, über den Timberlake von einer Liebe schmachtet, die wie eine Droge ist: „I’m just a junkie for your love / my heroin, my cocaine, my plum wine, my MDMA“. Eine Monsterballade als Einstieg, das ist mal eine Ansage.

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