Kultur : K.R.H. Sonderborg: Malerei ist kriminell

Elfi Kreis

Aus seiner langjährigen Zusammenarbeit mit K.R.H. Sonderborg weiß Walter Bischoff so manche Episode zu erzählen. 1986 hatte er das zweite Standbein zu seiner Stuttgarter Stammgalerie noch nicht in Berlin-Mitte, sondern in der West Huron Street in Chicago. Der am 5. April 1923 im dänischen Sonderborg als Kurt Rudolf Hoffmann geborene Maler wiederum lehrte als Gastprofessor am Art Institute Chicago und die beiden trafen sich regelmäßig. Sonderborg hatte lange nicht gemalt, was nach Bischoffs Erzählungen häufiger vorkam, als man angesichts der Vielzahl der in Berlin gezeigten Papierarbeiten und einer parallel ab März für Stuttgart geplanten Ausstellung annehmen würde. In einer solchen Phase wurde Sonderborg irgendwann unruhig und nervös. Die zunehmende Hochspannung, unter der er stand, war ihm anzusehen und plötzlich blieb er für einige Tage verschwunden. Als er wieder auftauchte, war der Künstler bester Laune, wirkte ausgeglichen und hatte eine umfangreiche Serie neuer Bilder fertig. Während einer solch produktiven Schaffensphase in den USA entstand auch eine Radierung, die Bischoff als Vorzugsausgabe zur Berliner Austellung anbietet (Auflage 20, 500 Mark).

Weniger ist bei K. R. H. Sonderborg stets mehr. Er ist ein radikaler Reduzierer, der äußere Eindrücke und Anregungen aus seiner unmittelbaren Umgebung zu einfachen, zeichenhaften und zugleich beeindruckend komplexen Kürzeln seiner Ideogramme verdichtet. Selbst mit Titeln geht er sparsam um. Allenfalls nennt er ein Blatt "21.XII.90 17.12-17.33" (28 000 Mark). Wobei Sonderborg mit Augenzwinkern in Kauf nimmt, dass der Sammler unschwer seinen in einundzwanzig Minuten ermalten Stundenlohn auszurechnen vermag. Die Arbeit gehört zu jenen großformatigeren Papieren, bei denen Sonderborg das strenge Schwarz-Weiß der Tusche mit Elementen in hellem Kadmiumrot akzentuiert. Ansonsten zeigt Bischoff ausschließlich Werke, die auf Farbe völlig verzichten. Darunter sind vier weitere, größere Blätter aus den neunziger Jahren (je 20 000 Mark). Meist nimmt die Diagonale eine zentrale, dynamische Position im Bild ein, begleitet und zentriert von furiosen, sphärisch verdichteten Pinselwirbeln. Sonderborg zielt auf die Tiefenschichten innerer Zusammenhänge. Als Bildessenz, die er in einem explosionsartigen Malakt herausdestilliert, ist vor allem eines abzulesen: die Spur von Bewegung und Energie. Vital erscheinen seine Bildfindungen im Grenzbereich von Chaos und Form, streckenweise auch gewalttätig und punktuell sogar zerstörisch. "Für mich ist Malerei fast eine kriminelle Handlung. Ich bin wie jemand, der in den Keller hinabsteigt, um eine Ratte zu töten", hat Sonderborg seine Vorgehensweise einmal charakterisiert. Den Gegenpol bilden zu graphischen Kürzeln konzentrierte, kraftvolle bis hochfiligrane Strukturen einer technischen Welt: Strommaste, Stahlkonstruktionen oder Kräne wie am Hafen seiner Heimatstadt Hamburg, wo er heute - nach untriebigen Wanderjahren - wieder lebt und arbeitet.

Den Hauptraum beanspruchen kleinformatige Tuschen auf weißem und gelblichem Papier aus den Jahren 1989 bis 1993 (je 4000 Mark). Sie lassen besonders den Einfluss der asiatischen Kalligraphie deutlich werden, die intensive Beschäftigung mit Zen-Buddhismus. Darunter finden sich serielle Variationen von rhythmischen Pinselschwüngen, die zugleich an den Ablauf einer visuellen Partitur, an atonale Jazzmusik, Synkopen und Dissonanzen denken lassen. Andere erinnern an Zweige im Wind. Oder an einen Stuhl als Ausgangspunkt, der überlagert von Schatten oder zu Linienfragmenten geronnenen Andeutung ins Unbenennbare expandiert. Enträtseln vermag der Betrachter den Anstoß der Ideogramme kaum, zuweilen bleibt er selbst für Sonderborg im Dunkeln. Anders als bei jenen optischen Phänomenen, die Sonderborg zufällig bemerkt und die er immer wieder auch fotografiert. Sein auf Grenzbereiche von Innen- und Außenwelt gerichteter Blick erscheint trotz dynamischer Malgeste nun eher meditativ.

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