Kultur : Kabale um Kabul

Deutsche und Afghanen streiten über die Erlöse der Kunstausstellung „Make Art not War“

Martin Gerner

Wer neben dem Dialog der Kulturen auch noch jenen zwischen den Künsten anstößt, darf mit Lob und Aufmerksamkeit rechnen. Entsprechend groß fiel das Medienecho aus, als im Juli 2008 Werke von unabhängigen afghanischen Künstlerinnen in Berlin zu sehen waren. Die Ausstellung „Make Art not War“ versammelte 33 Arbeiten von 23 afghanischen Frauen. Ein „Aufstand in Öl“, „expressiv und farbgewaltig“, lobten die Rezensenten: Die Schau sei eine „Sensation in einem Land, in dem nur jede fünfte Frau“ lesen und schreiben könne. Zweimal wurde die Ausstellung in Berlin gezeigt, in der Landesvertretung Sachsen und in der „Botschaft von Berlin“, einem Haus der deutschen Wirtschaft, zwischenzeitlich waren die Bilder in Bonn zu sehen.

Nun gibt es Ärger zwischen den deutschen Initiatoren und der afghanischen Seite. Eigentlich sollten aus den Einnahmen der Bilder eine Kabuler Werkstatt der Malerinnen finanziert werden, eine für Afghanistan bemerkenswerte Einrichtung. Während die Berliner Organisatoren berichten, dass zahlreiche Werke verkauft wurden, beklagt der zuständige Leiter des Zentrums für zeitgenössische Kunst in Kabul, von den Erlösen sei bisher nichts angekommen. „Wir fühlen uns von der deutschen Seite getäuscht“, so Rahraw Omarzad. Man lasse ihn und seine Schülerinnen nicht nur im Unklaren über Anzahl und Erlös der veräußerten Bilder. Auch zugesagte Kataloge, Poster- und Druckentwürfe habe er nie erhalten.

Beim Berliner Patchworld-Verlag, der als Initiator, Schirmherr und Vermarkter der Ausstellung auftritt, hält man dies für „üble Nachrede“ und verweist auf Kommunikationsprobleme zwischen Okzident und Orient. Vom Verlag heißt es, viele der 33 Bilder seien mittlerweile „an renommierte Museen und private Sammler in Paris und anderenorts“ verkauft worden. Zur konkreten Anzahl und den Verkaufsdetails will man sich nicht äußern. Der Verlag hält sich zugute, einen Kunstschatz nach Deutschland geholt zu haben, mit großem Aufwand und Eigenmitteln. Es gehe darum, „den afghanischen Frauen zu helfen“ – über Kooperationen abseits der Politik.

Die afghanische Seite misstraut der Sache zusehends, wenn auf Internetseiten und in Pressetexten mit der „großen Aktualität und Nachfrage“ der Bilder geworben wird. Die Verlagsleitung kündigt zudem an, die Ausstellung in Österreich, Italien und den USA zeigen zu wollen. Inzwischen ist auch das Auswärtige Amt, das dieser Tage eine Ausstellung im afghanischen Künstlerzentrum in Kabul unterstützt hat, auf die Kabale um die Kabuler Malerei aufmerksam geworden.

„Make Art not War“, die Ausstellung von 2008, schien von Anfang an unter einem ungünstigen Stern zu stehen. Es habe Unklarheit geherrscht, so ein Beteiligter, ob es sich um ein humanitäres Hilfsprojekt oder um eine Galeristen-Aktion handle. Verlag und Veranstalter hätten einen ambivalenten Eindruck erweckt. Für die afghanischen Künstlerinnen, von denen einige zum ersten Mal nach Berlin gekommen waren, dürfte der europäische Kunstmarkt ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln sein.

Eins der Exponate hat das Leipziger Grassi-Museum vor Monaten erworben. Wenigstens der Erlös dieses Verkaufs ist wohl in Kabul angekommen. Bei allen weiteren Bildern aber besteht bis heute Unklarheit. Hat sich hier etwa ein Kunsthändler auf Kosten seiner unerfahrenen afghanischen Partner bereichert? Oder ist tatsächlich alles nur ein Missverständnis?

Mittlerweile hat das Hickhack die diplomatische Ebene erreicht: Die Kabuler Malerei-Werkstatt sucht Verbündete beim Versuch, die Bilder nach Afghanistan zurückzuführen. Aus seiner Enttäuschung macht Rahraw Omarzad keinen Hehl. „Anfangs haben wir den Ausstellern vertraut. Es waren ja Deutsche.“ Jetzt fühlten sie sich hintergangen. „Die Bilder klagen an“, heißt es in einem Werbetext zur Ausstellung. Nun bekommen diese Wort einen neuen Klang. Martin Gerner

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