Kabarett : Wir Großmaultaschen

Das Jahresendzeitteam im Mehringhoftheater lädt zum kabarettistischen Resümee 2011. Auf der Bühne: Bov Bjerg, Horst Evers, Hannes Heesch und Manfred Maurenbrecher.

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Das Jahresendzeitteam: Horst Evers davor Bov Bjerg und Pianist Manfred Maurenbrecher im Piraten-Look, rechts die Moderatoren Hannes Heesch und Christoph Angela (Merkel) Jungmann. Foto: David Balzer/Promo
Das Jahresendzeitteam: Horst Evers davor Bov Bjerg und Pianist Manfred Maurenbrecher im Piraten-Look, rechts die Moderatoren...Foto: David Balzer/Promo

Er umwirbt sie. Insistiert. Doch sie schaut bloß irritiert. „Sagen Sie jetzt nichts, Angela!“ In dieser berühmten Formel aus dem Handbuch der Paaranbahnung gipfelt das Tête à Tête der beiden Mächtigen, mit dem der kabarettistische Jahresrückblick im Mehringhoftheater diesmal anhebt. Loriots Nudelsketch wird hier nachgespielt – mit Merkel und Sarkozy als Protagonisten. Hannes Heesch als Président hat sich einen putzigen französischen Akzent zugelegt, er macht der Kanzlerin Avancen, dabei will er nur das eine: dass Madame die Rechnung bezahlt. Die Sorge, dass wir zum Zahlmeister Europas werden, treibt die Deutschen um – und ruft den Entlastungswitz auf den Plan.

Im Mehringhoftheater bleibt alles beim Alten – irgendwie beruhigend. Seit nunmehr 15 Jahren kommentiert das Jahresendzeitteam schon die Top-Ereignisse des ausklingenden Jahres. Als Gastgeberin führt wieder Angela Merkel durch den Abend, Christoph Jungmann, wie immer in figurneutralem Hosenanzug, trägt diesmal Pink. Kein Zweifel, die Kanzlerin hat Oberwasser. Das bekommen auch Bov Bjerg, Horst Evers, Hannes Heesch und Manfred Maurenbrecher zu spüren. Politiker, Pleiten, Plagiate – 2011 hinterlässt eine lange Liste von Absteigern und Aussteigern. Ex-Vizekanzler und Ex-Diktatoren, sie alle sind dankbare Kandidaten, die man lustvoll in die Pfanne hauen kann. Guido Westerwelle ist zwar unbestritten eine Paraderolle des Parodisten und Politikwissenschaftlers Hannes Heesch. Doch ihm ist nur ein Kurzauftritt vergönnt. Als Merkel ihn in die ungeordnete Privatinsolvenz schlittern sieht, holt er aus zur Retourkutsche. „Wofür stehen Sie eigentlich?“, schleudert er der Kanzlerin entgegen. Gute Frage! Merkels überraschende Kehrtwende in Sachen Atompolitik wird hier in einer Coverversion von Rio Reisers Song „Junimond“ verarbeitet. Zuvor hatte sie feixend ein „Medley über Männer“ angekündigt. Wenn Peter Alexanders „Die kleine Kneipe“ zu „Die kleine Reise mit unserer Firma“ wird, dann wird auf die Budapester Sex-Sause der biederen Herren Kaiser, also der Versicherungsvertreter der Hamburg-Mannheimer angespielt.

Die Opposition ist erstarkt – davon profitiert auch der Abend. Hannes Heesch glänzt einmal mehr in seiner Doppelrolle als Helmut Schmidt/Peer Steinbrück. Der Altkanzler in der Pose des elder statesman lässt es sich nicht nehmen, den Griechen eine Lektion in puncto Demokratie zu erteilen: „Wie ich schon Perikles gesagt habe ...“ Und dann taucht auch noch Gerhard Schröder aus der Versenkung auf und ruft: „Putin, Erdogan, Gaddafi – das sind meine Männer!“ Hat er ihnen nicht erfolgreich die Zivilgesellschaft nahegebracht?

Horst Evers fragt, ob Berlin-Wahlen überhaupt noch Sinn machen, wenn dann doch wieder Wowereit Bürgermeister wird. Mit Blick auf die FDP und ihre 1,8 Prozent kommt er aber zu dem Schluss: „Sie nützen niemandem, aber ein paar Leuten versauen sie so richtig den Tag.“

Liedermacher Manfred Maurenbrecher bereichert den Abend mit seinen Geschichten aus Berlin, die sich zum Zeitbild verdichten. Und wenn Bjov Berg dem wieder auflodernden Schwabenhass auf den Grund geht, arbeitet er sich dabei an seinem Herkunftskomplex ab. Was kommt bei der Kreuzung von Schwaben und Berlinern raus? Großmaultaschen!

Vergleichbar den Kursschwankungen an der Börse kommt es immer mal wieder zu Abstürzen im Witz-Niveau. Manch ein Politiker wird nur durch den Kakao gezogen. Und die Versuche, sich einen Reim aufs politische Geschehen zu machen, fallen manchmal etwas brachial aus. Doch alles in allem wird man intelligent unterhalten – darauf ist Verlass beim Jahresendzeitteam. Sandra Luzina

Weitere Vorstellungen: Mehringhof-Theater, bis 7.1. (ausverkauft); Komödie am Kurfürstendamm, 8.1. und 9.1.

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