Kultur : KABARETT

DIRK SCHÖNLEBE

Es war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und vor der braunen Machtergreifung.Die Zeit des Jazz, des Dadaismus, der Automobile und steigender Einkommen.Und es war die Zeit des Walter Mehring.Der Berliner Lyriker, Chansonnier, Romancier und Kulturkritiker genoß nicht die Goldenen Zwanziger, ihm dämmerte schon das 1000jährige Reich.1924 schrieb er die Chansonsammlung Europäische Nächte, eine Revue in drei Akten und zwanzig Bildern, mit der er all das aufarbeitete und vorwegnahm, was war und kommen sollte.Das Kabarett-Ensemble Berliner Tingeltangel verhilft den Gedichten und Chansons zu einer Uraufführung (nächste Termine: 23.und 24.10., 20 Uhr, Kulturhaus Spandau).Die Texte Mehrings sind gut, manchmal erschreckend deutlich und weitsichtig.Sie stellen spießiges Kleinbürgertum und doppelte Kirchenmoral bloß, Rassismus und zynische Menschenverachtung.Dem Tingeltangel gelingt es nicht durchgehend, den Texten gerecht zu werden, sein Publikum in die Zwanziger Jahre zu entführen.Es fehlt teilweise die letzte Überzeugung, die letzte Kraft, Phantasie und Realität, Vergangenheit und Gegenwart zu vereinen.So bleiben die Chansons und Gedichte manchmal nicht mehr, als Texte, die eben ein Dreivierteljahrhundert alt sind und deren Aktualität auf der Bühne verspielt wird.Dennoch gibt es sehr Gutes ("Der Rattenfänger von Hameln") und auch Herausragendes ("If the man in the moon") zu sehen und hören.Insgesamt große Worte.Aber nichts Großes.

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