Kultur : Kabinett der Krümel

Gleich zwei Berliner Galerien zeigen Installationen der jungen, aufstrebenden Künstlerin Nina Canell

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Wie feine Härchen auf der Haut spreizen sich Eisenspäne von einem Magnetklumpen, der in einer Mini-Karawane aus Nägeln und Kabelstückchen auf dem Sockel liegt. Nina Canell schafft mit ihren Assemblagen und kinetischen Skulpturen ein Labor der Zartheiten und Grenzversuche. „Diagram for a Conductor“ heißt die kleine Anordnung bei Konrad Fischer, die stolze 7000 Euro kostet. „Skulptur als abgeschlossenes Objekt behagt mir nicht“, beschreibt Canell ihren Antrieb.

2007 war die Berliner Galeristin Barbara Wien auf der Kunstmesse „Liste“ in Basel von einer Arbeit Canells gebannt und nahm die damals 28-Jährige ins Programm. Parallel griff die Galerie Fischer zu. Seitdem entwickelt sich ihre Arbeit im Spannungsfeld beider Galerien, mit enormem Effekt: Canell war in einer Gruppenausstellung des MoMA vertreten, hatte eine Einzelschau im Wiener MUMOK, stellt im Kasseler Fridericianum aus und hat nun zeitgleich in Berlin ein Doppelprojekt: „Heart of the Matter“ bei Wien/Lukatsch und „Matter of the Heart“ bei Konrad Fischer. Die Schallwellen eines Frequenzgenerators lassen dort die Blätter einer Zimmerpflanze im Wind wehen, während bei Wien/Lukatsch Wasser in einer Schale durch Schall zum Blubbern gebracht wird und sich als Dampf mit umliegendem Zementstaub zu Hügellandschaften verbindet (17 000 €). Im Nebenraum schellt eine Klingel unhörbar im Vakuum einer Glasglocke, in die im Lauf des Tages Luft eindringt. Canells Kunst beschwört den Zauber naturwissenschaftlicher Pionierzeiten, als die Physik sich erst von der Mystik löste. Ein dysfunktionaler Kabelsalat wuchert bei Fischer unter die Decke, seine Restenergie verwandelt etwas Kryptongas in einen Leuchtstrahl, der von einem Magneten abgelenkt wird („Hidden Resistance“, 12 000 €).

Die Stärke von Canells Arbeiten liegt in ihrer Körperlichkeit. Ihre Installationen behaupten ihre eigene Realität, fordern ein Gespür für Größe, Nähe und Distanz heraus. Sie handeln von Zuständen zwischen Wachen und Träumen, Vorstellung und Stofflichkeit. „Ich arbeite oft mit Dingen, die mir begegnen“, sagt Canell. Während einer Residency in Istanbul inspirierten sie Brotreste auf einer Baustelle zur Installation „A bit, a bit of Stone ...“, die Zementabgüsse von Brötchen mit echten kombiniert. Ein Stück Eat Art findet sich auch bei Fischer: ein benutzter Kaugummi auf einem Ziegelstein neben abgelatschen Einlegesohlen unter Glas. Spätestens bei dieser Beliebigkeit kommt man ins Grübeln.

Prekäre Installationen mit ephemeren Materialien hatten zuletzt Konjunktur. Leicht kippt dabei die Radikalität der Arte Povera in dekorative Pose. Aus einem Wandbord ragen bei Canell die Zementbröckchen, und noch die Brotkrümel sind kunstvoll über den Boden gestreut. Die Kleinheit, die Feinheit, die Reinheit, der Staub: Mach’ es zu deinem Projekt. Canell könnte wohl hunderte solcher Objekte basteln und das Kabinett der schönen Dinge unendlich erweitern. Und genau da liegt ein Problem. Allzu selbstvergessen wachsen ihre Skulpturen vor sich hin. Sie haben offene Enden, sind dort aber auch zu Ende, beim Betrachter und seiner Bezauberung. Sie handeln von Leitungen und Energieflüssen, aber zeigen kein tieferes Interesse an den sozialen und ökonomischen Kreisläufen, in denen sie stehen. So entpuppen sich ihre Effekte als Hascherei, und das so betont Provisorisch-Ephemere der Gestaltung gerät zur Deko. Das Wasser in der Verdunstungsanlage muss täglich aufgefüllt werden, die Luft, die in die Glocke strömt, ausgepumpt: Ein Pflegeaufwand, der die Objekte als Behauptungen entpuppt, als geschmackvoll illustrierte Ideen unter der Glocke des Als-ob.

Diese Kunst passt gut zur romantisierten Dysfunktionalität von Berliner Caféeinrichtungen mit ihren wackligen Stühlen und Deko vom Flohmarkt. Berlin habe sie nicht inspiriert, sagt sie. Aber möglicherweise ist Berlin ja von ähnlichen Quellen inspiriert wie Nina Canell: vom Vorzug des Anmutigen gegenüber dem Anstrengenden, des Privaten gegenüber dem Politischen. Es steckt eine eskapistische Selbstgenügsamkeit in diesen Arbeiten, die so schön sind, dass man nur zum Kauf raten kann. Aber es ist auch etwas Größeres darin angelegt, und es wäre zu hoffen, dass der schnelle Erfolg es nicht daran hindert, herauszukommen.

Galerie Konrad Fischer, Lindenstr. 35; bis 4. 6., Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–14 UhrGalerie Wien/Lukatsch, Linienstr. 158; bis 2. 7., Di–Fr 13–18 Uhr, Sa 12–18 Uhr.

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