Kultur : Kabul, oh Kabul!

Moritz Schuller

Mancher ist unerschütterlich. Just zu dem Zeitpunkt, als der Bundestag über die Beteiligung deutscher Soldaten am Krieg gegen islamistische Fundamentalisten abstimmte, sagt Hans-Georg Knopp auf einem Podium im Haus der Kulturen der Welt: "Die Ursache für Konflikte zwischen Kulturen sind Missverständnisse." Und während man sich noch fragt, wer dann wen in den letzten Wochen nicht ganz richtig verstanden hatte, liefert die Konferenz "Kulturpolitik als Globale Aufgabe" auch schon erstes Beweismaterial für Knopps These: Die mexikanische Sozialanthropologin Lourdes Arizpe wollte den Konflikt unmissverständlich als einen Krieg zwischen Gruppen mit "speziellen Interessen" verstanden wissen - als ob sich in Afghanistan gerade Menschen wegen ihrer skurrilen Hobbies bekämpften.

Knopp, der Generalsekretär des Hauses der Kulturen der Welt, und Arizpe, ehemals eine hohe Funktionärin der Unesco, führen ein Leben, das dem interkulturellen Dialog gewidmet ist. Sie sind nicht die einzigen, wie das neue Heft der deutschen Unesco-Kommission über die Projektarbeiten in diesem Land eindrucksvoll belegt: So forderten etwa die Schüler des Düsseldorfer Schloss-Gymnasiums in einer Deklaration die "Integration unserer ausländischer Mitbürger", und zwar ohne "dass sie ihre Lebensweise und kulturelle Identität aufgeben". Anschließend führten sie einen "Tanz der Kulturen" auf. Auch in der jüngst in Paris von der Unesco verabschiedeten "Allgemeinen Erklärung" wird ein kultureller Pluralismus gefordert, der "eine harmonische Interaktion und die Bereitschaft zum Zusammenleben von Völkern und Gruppen" sicher stellt.

Was aber wenn die Identität einer Gruppe an einen kulturellen Alleinvertretungsanspruch geknüpft ist? Jens Jessen von der "Zeit" fragte so und erinnerte daran, dass vor nicht allzu langer Zeit auch das Christentum untrennbar mit dem Missionsgedanken verknüpft war. Kultur, sagte Jessen, sei eben Teil des Problems, "die Mutter vieler Kriege". Umgekehrt zeige die Geschichte, dass oft erst in der Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen ein Interesse an der Kultur des Feindes entstehe. Nicht ein Krieg der Kulturen also, sondern Krieg als kultureller Festwert, als Kulturform womöglich?

Eine Zuhörerin nutzte das Saalmikrofon, um etwas genauer auf die Triebtheorien Sigmund Freuds einzugehen. Von Eros und Thanatos als anthropologischen Konstanten sprach sie, als ob sie sagen wollte, dass der Mensch erst dann wirklich bei sich ist, wenn er zwischen Abendbrot und Sex auch dem Nachbarn eins auf die Mütze gegeben hat. Globale Kulturpolitik als Trieb-Steuerung gedacht? Vielleicht wäre es dann sinnvoll, das Goethe-Institut gleich dem Verteidigungsministerium zu unterstellen.

Kultur, ob global oder nicht, sagte Jessen, sei eher etwas, das die Menschheit mit sich herumschleppe wie die Erbsünde - und das Konferenzpublikum klatschte enthusiastisch. Auch der nigerianische Jurist und Mitarbeiter der Unesco Folarin Shyllon äußerte Zweifel daran, dass globalisierte Kulturpolitk zum hierarchielosen Diskursträger taugen könnte. Noch immer sei Gerechtigkeit die des reichen Mannes, noch immer verhindere die koloniale Last das Aufkeimen einer afrikanischen kulturellen Identität. Andererseits scheint auch der Westen uneins über sein kulturelles Selbstverständnis. So beklagte der Pariser Kulturanthropologe Georges Condominas das mangelnde Interesse an den eigenen oralen Traditionen, an Liedern, Mythen, Ratespielen. Die Gebrüder Grimm kenne noch jeder, sagte Condominas, doch wem sei schon die Dichtung des serbischen Dichters Vuk Karadzic vertraut?

Kultur erschien plötzlich als Verkörperung jener "speziellen Interessen", die aus geographisch, linguistisch und bisweilen religiös fragmentierten Gruppierungen eine Einheit zu bilden vermögen. Und wie das Konferenz-Publikum deutlich machte, ist es mit dem wertfreien Dialog auch nicht so weit her: Dem Minivortrag über Freud schlugen hämische Kommentare entgegen, bei dem Schwarzen, der davor eine ganze Weile ohne Sinn und Verstand ins Saalmikrofon gestottert hatte, rührte sich niemand. Ausdruck eines tiefen interkulturellen Verständnisses oder doch Rassismus?

Eines war auf dieser hochkarätig besetzten Tagung zu beobachten: Auch wenn sie ihn bislang noch kaum zur Kenntnis nehmen, der Rechtfertigungsdruck, der auf den globalen Kulturfunktionären lastet, ist seit dem 11. September gestiegen. Den dürfte jener alte Mann aus Afghanistan, der "froh ist, Deutscher zu sein", sogar noch erhöht haben. "Ich habe auf der Fahrt von Hamburg nach Lüneburg ein Gedicht geschrieben", flüsterte er ins Saalmikrofon; es trug den Titel "Kabul, oh Kabul". Noch bevor es zum Missverständnis kommen konnte, rezitierte er weiter, dass "sie Bomben in dein Herz senden, oh Kabul" und dass er sich über den Tag freuen werde, an dem auch die Kapitalisten die Stadt verlassen. "Dann ist die Trauer vorüber."

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