Kultur : Kälte im Haus

Abrahamsen und Nelsons in der Philharmonie.

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Keine weiße Weihnacht in Sicht, außer in der Philharmonie, in die zwei Kältestücke hineinschneien, kurz vorm Fest. Einfach und zu Herzen gehend, zart knirschend, wie Pulverschnee unter den Sohlen. Als Uraufführung bringt Hans Abrahamsen seinen Zyklus „Let me tell you“ für Sopran und Orchester mit in die gute Stube. Es ist eine Rückkehr zu den Berliner Philharmonikern, für die er vor gut 30 Jahren „Nacht und Trompeten“ komponierte. Der dänische Ligeti-Schüler geht wunderbar altmodisch zu Werke: Die Gedanken, die um seine Solistin kreisen, prägen dieses Werk, keine strenge Methodik. Mozart hätte es nicht anders gemacht. Barbara Hannigan, die kanadische Sopranistin, erscheint Abrahamsen als Ophelia, die sich, stotternd – ein Markenzeichen des Komponisten – ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor Augen führt. Laut werden lässt, was der intrigante Hof von Helsingör und ihr unberechenbarer Liebster Hamlet nicht hören wollen. Dabei interessiert Abrahamsen nicht, was faul ist im Staate Dänemark. Es geht ihm um das letzte Ausschreiten eines Innenraumes, bevor Ophelia nicht wie bei Shakespeare ins Wasser geht, sondern in den Schnee. Für den hat der Komponist mindestens so viel Gefühl wie Fräulein Smilla. Die Philharmoniker knuspern und knispeln sich durch die eiskristalline Partitur, dass man fast blind werden will vor all dem Weiß, in dem nur kurz die Wangenröte Ophelias aufflammt.

Zuvor hatte Andris Nelsons hingebungsvoll Peteris Vasks' „Cantabile“ für Streicher dirigiert, ein Präludium gleich einer Landschaftaufnahme, aus der nur ferne, kalte Wipfel aus Nebeln ragen. Es ist der siebte Auftritt des lettischen Dirigenten bei den Philharmonikern seit seinem Debüt im Oktober 2010, der zweite nach Rattles Ansage, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Nelsons ist ein Kandidat, auch wenn er sich gerade ans Boston Symphony gebunden hat. Im März merkte man ihm an, dass das am Pult auch eine Last sein kann. Wenn er nun die Vierte von Brahms erobert, scheint er wieder ganz bei sich zu sein, mit jeder Faser seines Körpers dieser Musik nachzuspüren. Strömend, aber stets hellwach, mit Lust die Wechselspiele von Intellekt und Sentiment auskostend in einem Werk, das nach dieser ersten Konzerthälfte vor Klangfarben geradezu birst. Ein explosiver Herbst, markant, mit traumhaften Einzelstimmen (Ottensammers Klarinette, Blaus Flöte), janusköpfig. Die Philharmoniker werden mit Nelsons noch ihre Freude haben. Ulrich Amling

noch einmal Sonntag, 20 Uhr

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